Deutscher Meister – Danke, BBL!

Deutscher Meister – Danke, BBL!

Dass der Basketball in Deutschland über viele Jahre eine Randsportart war, die vorzugsweise in Universitätsstädten auf Bundesliga-Niveau gespielt, stets von angehenden Anwälten, Ärzten oder Lehrern ausgeübt und daher von der breiten Masse als Studentensport weggewinkt wurde, lag zu einem gewichtigen Teil auch daran, dass die kopfgesteuerte Ligazentrale des Deutschen Basketball Bundes (DBB) immer wieder neue Wettbewerbs-Regularien schuf, die überhaupt nur für Insider nachvollziehbar waren.

Diese unsägliche Tendenz, alljährlich mit Regeländerungen aufzuwarten, bringt den Basketball auch heute noch in Nachteil gegenüber Fußball, dessen Attraktivität anerkanntermaßen auch daher rührt, dass das Regelwerk erstens einfach und zweitens seit Menschengedenken nahezu unverändert ist. Besonders unsicher waren sich die Herren beim DBB schon immer, wie sie am gerechtesten und publikumswirksamsten die Frage nach der Meisterschaft wie des Abstiegs regelten. Ende der siebziger Jahre gebaren die Hirne der Herren in Hagen eine besonders rabulistische Form der Meisterfindung.

Gespielt wurde wie heute in einer einteiligen Liga. Wie heute qualifizierte sich die obere Hälfte der Tabelle für die Meisterschaftsrunde. Aber ganz anders als seit nunmehr bereits vielen Jahren gab es keine Play-Offs, sondern noch einmal eine komplette Runde jeder gegen jeden. Doch damit nicht genug. Zu Beginn der Meisterschaftsrunde wurde die Tabelle weder auf Null gedreht noch starteten die Teams mit all ihren bereits gesammelten Punkten. Ein bisschen sollten die Teams für das belohnt werden, was sie bereits geleistet hatten. Aber nicht zu viel, damit die Meisterrunde nicht möglicherweise bereits vor ihrem Beginn entschieden war. Jeder sollte seine Chance bekommen – aber eben nur ein bisschen.

Mitgenommen in die Entscheidungsrunde um die Meisterschaft wurden nur die Punkte und Siege, die gegen Konkurrenten aus dem oberen Tableau erzielt waren. Die Spiele gegen Abstiegskandidaten wurden gestrichen. Und so hatte der MTV 1846 Gießen im Frühjahr 1978 seinen ganz speziellen Magic Moment, als die Mannschaft nach Abschluss der Hauptrunde zwar gerade so in die Meisterrunde rutschte, aber eigentlich abgeschlagen keine Chance mehr hatte. Dann jedoch, als die Niederlagen gegen die Kleinen (auch so eine alte Seuche der Gießener Basketballer: gegen die Topteams rauschende Siege feiern und eine Woche später bei vermeintlich leichten Gegnern zu Tode getrübt eine Niederlage einfahren) herausgestrichen wurden, war die Mannschaft von Trainer Hannes Neumann mit Peters, Strauß, Hundley, Bauernfeind, „U“ Strack, Lindenstruth, Waniek, Minor, Heß, Ampt, Froese, Bedarf und Münch auf einmal wieder dicke im Geschäft.

Plötzlich lag Gießen punktgleich mit Leverkusen und Heidelberg, nur getrennt durch das schlechtere Korbverhältnis, auf dem dritten Platz. Als sich dann noch der große Favorit Leverkusen einen Ausrutscher in Klln leistete und Gießen gleichzeitig einen seiner Glanz- und Gloriasiege beim USC Heidelberg feierte, reichte urplötzlich ein Erfolg in Wolfenbüttel, um vorzeitig das Meisterschild nach Gießen zu holen. Und tatsächlich schafften die „Neumänner“ den Coup, holten die 5. deutsche Meisterschaft an die Lahn – und bedankten sich leise bei den Herren des DBB in Hagen für den ungewöhnlichen Austragungsmodus der Meisterschaftsrunde.

Text: Wolfgang Lehmann

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