Die jungen Wilden schlugen die Favoriten

Die jungen Wilden schlugen die Favoriten

Die Spielzeit 1986/87 war für den MTV 1846 Gießen bis zum Abschluss der Hauptrunde eigentlich alles andere als ein Kracher. Nach zwanzig Spieltagen konnte die Mannschaft des Trainergespanns Günther Lindenstruth/Hans Heß mit zehn Siegen und zehn Niederlagen gerade so auf Platz sechs behaupten. Damals wie heute galt: Zu Hause hui auswärts pfui. Die Festung Sporthalle Ost konnten – wer sonst – nur Berlin (DTV Charlottenburg) und Bayer Leverkusen einnehmen. Aber „on the road“ ließen die 46er die Punkte in allen Hallen liegen, außer in Ludwigsburg und Göttingen.

Doch was dann im Frühjahr 1987 folgte, lief unter dem Titel „Starker Saisonbeginn, verhaltener Mittelteil, furioses Ende“. Mit deutlichen elf Punkten (85:74) hatte die Mannschaft mit den Spielern Josef Waniek, Michael „Mike“ Koch, U. Strack, Pat Elzie, Jan Villwock, „Blacky“ Schwarz, Henning Harnisch und Chris Seifert das Hauptrundenspiel in Bayreuth verloren. Jetzt ging es im ersten von drei möglichen Begegnungen des Meisterschafts-Viertelfinales erneut zum Tabellendritten, der das letzte Heimspiel eindrucksvoll gegen den Ligaprimus Bayer Leverkusen mit 91:86 hatten gewinnen und damit dem Meisterschaftsfavoriten seine erst zweite Saisonniederlage beibringen können. Was sollte es da für Gießen zu holen geben? In Bayreuth schielten die Oberfranken schon in Richtung Halbfinale, und auch in Gießen wollte kaum jemand an eine Sensation glauben. Ehrenvoll mit wenigstens einem Sieg in der Osthalle ausscheiden, lautete die Devise in der Basketball-Öffentlichkeit, und sich dann auf den DBB-Pokal konzentrieren, wo die Männerturner auch noch im Rennen waren. Nur Mike Koch und seine Mitstreiter rechneten sich was aus. Sie wussten, dass das Hauptrundenspiel gegen Calvin Oldham und Kollegen in Bayreuth vor allem wegen eigener Fehler der Gießener nicht gewonnen werden konnte. Mit einer konzentrierteren Leistung rechnete sich die Truppe von Lindenstruth/Heß durchaus eine Chance aus.

Doch dann schien alles zu laufen, wie es der Tabellenstand und die zuletzt gezeigten Leistungen der beiden Mannschaften vermuten ließen. Mit breiter Brust und vor Selbstvertrauen strotzend schien die BG Bayreuth Gießen überrennen zu wollen. 21:5 führte Bayreuth nach neun Minuten. Der MTV 1846 wirkte überfordert gegen eine körperlich deutlich überlegene Mannschaft um Sowa, Oldham, Harnett und Welton. Was dann passierte, war bezeichnend für diese Spielzeit, in der die Youngster Henning Harnisch und Mike Koch sich anschickten, die Basketball-Welt zu erobern und Routiniers wie Ulrich, „U.“ Strack (siehe Hall of Fame), Jan Villwock und Pat Elzie die jungen Himmelsstürmer in Szene setzten. Hinzu kam eine Moral, die Berge versetzen konnte. Und mit dieser typisch Gießener Mischung aus Können und Glaube drehte das Team die Partie noch um. In der Verteidigung verpuffte der Bayreuther Anfangswirbel gegen die Gießener Zone, beim 78:73 waren die Männerturner schon wieder in Sichtweite. Henning Harnischs Dreier und sein unbedingter Siegeswille ließen jungen Wilden im Alleingang das 80:80 erzielen. Bayreuth zeigte Nerven, Calvin Oldham ließ in den letzten fünf Sekunden beim 86:86 den Ball ins Aus gleiten. Die Partie ging in die Verlängerung. In der Overtime verdeutlichte Spielmacher Mike Koch dann, warum er guten Mutes nach Bayreuth gereist war. Mit sicherem Händchen von ganz weit draußen ließen er und Himmelsstürmer-Kollege Harnisch den fassungslosen Bayreuthern keine Chance mehr. 94:92 siegte der MTV beim haushohen Favoriten und sorgte einmal mehr für Euphorie in Gießen. Was kaum jemand für möglich gehalten hatte:

Mit einem Heimsieg schaffte die Mannschaft den Sprung ins Halbfinale. Da war dann allerdings Schluss. Das Team von Saturn Köln um den mit Abstand besten Schützen der Liga, Mike Jackel (89 Korbpunkte gegen Gießen in den drei Halbfinalpaarungen) siegte im ersten Spiel vor eigenem Publikum 80:76. In der Osthalle gab es dann zwar noch einmal ein umjubeltes 94:74 für den MTV 1846. Die entscheidende dritte Partie aber gewann Köln deutlich 111:78. Das Finale furioso der Giessener endete aber erst mit dem Endspiel im DBB-Pokal, wo der MTV vor 3000 Zuschauern in der Leverkusener Wilhelm-Dopatka-Halle gegen Bayer 04 nach einem erneut missratenen Spielbeginn (2:11, 4.) und einer sensationellen Aufholjagd (18:22, 12.) letztlich deutlich 71:92 unterlag.

Text: Wolfgang Lehmann

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