Erst bis ins Finale, dann vor 700 Zuschauern

Erst bis ins Finale, dann vor 700 Zuschauern

Noch heute erinnert sich manch einer im Internet Forum der Giessen46ers an den Flügelspieler als einen legendären Hauptdarsteller der Sporthalle Ost. Vor ziemlich genau zwanzig Jahren kam der heutige Diplom Betriebswirt als frisch gebackener Abiturient aus seiner Heimatstadt Ulm, wo er im zarten Alter von zehn Jahren seine Leidenschaft für den schnellen Sport zwischen den Reusen entdeckt hatte. Und weil der junge Villwock nicht über ungewöhnlich viel Talent und Trainingsfleiß, sondern auch über die Gabe verfügte, auf den Außenpositionen jede Rolle zu übernehmen, wurden schnell Verbandstrainer auf den Nachwuchsmann aufmerksam. Jan Villwock bekam Berufungen in die Kadetten-Nationalmannschaft und erreichte die Bronzemedaille bei den Europameisterschaften. Auch mit den Junioren unter der sportlichen Leitung des Gießener Trainers Bernd Röder spielte die Nachwuchshoffnung des SSV Ulm um den EM-Titel, landete 1985 auf Platz fünf. Bereits als 17-jähriger Pennäler holte ihn sein früherer Kadetten-Trainer Zechmeister zum Zweitligisten Ludwigsburg. Dann wechselte er noch einmal zurück in seine Heimatstadt, wo der Abiturient ein weiteres basketballerisches Lehrjahr in der 2. Liga spielte, ehe die erste Liga und der MTV 1846 Gießen lockte.

Das lief damals wie in jenen Zeiten üblich. Geboten werden konnte dem Nachwuchsspieler neben einem ganz ordentlichen Taschengeld die Zusage, den Wehrdienst vor Ort leisten zu können. Villwock rückte in die Steubenkaserne ein, wechselte später in die Sportkompanie nach Warendorf und versuchte sich als Erstligabasketballer. An diese Anfangsjahre in Gießen denkt der heute 38-Jährige besonders gerne zurück, weil die von Günther Lindenstruth und Hans Hess trainierte Mannschaft tolle Erfolge verzeichnete. Mit Mike Koch und Henning Harnisch als ebenfalls noch jungen Spielern stürmten die jungen Wilden von der Lahn bis ins Pokalfinale und die Vorschlussrunde der deutschen Meisterschaft (Villwock: „Am stärksten und besten in Erinnerung sind mir die ersten zwei bis drei Jahre geblieben“). Aber auch als der Nationalspieler, der 1987 wegen der zu hohen Belastung aus eigener Entscheidung die internationale Karriere beendete, von anderen Vereinen umworben wurde und der Giessener Basketball eine böse Durststrecke zu durchleiden hatte („Das war nicht so spaßig. Da haben wir zeitweise vor 700 Zuschauern gespielt“), blieb der Flügelspieler mit dem unwiderstehlichen Zug zum Korb, dem sicheren Distanzschuss und den Punktezahlen pro Spiel von selten weniger als 15 dem MTV treu.

„Ich hatte hier meinen Freundskreis, habe mich in der Mannschaft immer wohl gefühlt und den persönlichen Kontakt nach Training und Spielen immer genossen“, erinnert sich der heutige Controller in einer Versicherungsfirma, dass es ihn nie wirklich von der Lahn wegzog. Das gemeinsame Essen und ein Schoppen bei Bruno in der Ludwigstraße wie auch der Kontakt mit den Fans machten für Jan manche Mark wett, die er woanders mehr hätte verdienen können. Nicht, dass Villwock ein reiner Sport-Idealist sei. So manches Mal denkt er sich bei den heute üblichen Spielergehältern schon, dass er vielleicht die Ungnade der frühen Geburt hatte: „Die ganze Show muss ich zwar nicht haben. Aber es hat schon etwas, wenn man sich heute als Zwanzigjähriger überlegen kann, ob man für 10 oder 15 Jahre ganz auf Basketball setzt und sich dann doch ein so schönes finanzielles Polster erarbeiten kann, dass man eine Grundlage für die Existenzsicherung geschaffen hat.“ Aber auf der anderen Seite nahm es der Mannschaftsmensch Villwock als durchaus Qualitätsminderung seines Sportlerlebens wahr, als die gemeinsamen Unternehmungen in den letzten Jahren seiner Erstligakarriere zu Pflichtveranstaltungen verkamen. Das Spielerkarussell begann sich schneller zu drehen, der Sport wurde immer mehr zum nüchternen Job. Als er dann 1995 aus beruflichen Gründen mit dem Training kürzer treten wollte, aber gerne noch in der höchsten deutschen Klasse mitgemischt hätte, setzten ihm die damals Verantwortlichen den Stuhl vor die Tür. Da gab es nur ein rigoroses Nein von Manager Robbi Meyer. Villwock: „Es hat niemand ein intensiveres Gespräch gesucht.“

Es ist dem letzten Mohikaner Villwock auch knapp zehn Jahre später noch anzumerken, dass ihm dieser Abschied weh getan hat. Von den Flippers wechselte der Betriebswirt zum TV Lich in die 2. Liga, dann nach Limburg zum damals ambitionierten Regionalligisten, von dort zum VfB 1900 Gießen, traf dort Coach Hans Hess wieder und verabschiedete sich schließlich vor drei Jahren ganz vom aktiven Mannschafts-Sportgeschehen: “ Ich brauche die Gruppe nicht unbedingt. Wer einmal leistungsorientiert Mannschaftssport getrieben hat, für den ist es schwierig, nur so rumzuklickern“. Aber wenn die Konstellation stimmen würde, wenn sich mehrere ehemalige Bundesligaspieler zusammenfinden würden und man einen Trainer fände, mit dem es Spaß machte, dann schließt Jan Villwock nicht aus, noch einmal aufs Parkett zurückzukehren. So lange aber hält sich der verheiratete Staufenberger, der in diesem Jahr seinen ersten Nachwuchs erwartet, mit Jogging fit und besucht die Heimspiele der Giessen46ers.

Auch wenn Jan Villwock nur noch sporadisch Kontakt zu seinen sportlichen Weggefährten hat („Das hat sich auseinandergelebt. Nur mit Josef Waniek, Chris Seifert und U. Strack habe ich noch ab und zu Kontakt“) wird es selbst das für heutige Spieler in deren Zukunft wohl kaum geben. Und ein aktueller Topspieler, der auch in zehn Jahren noch in die Osthalle kommt, ist ebenfalls kaum mehr vorstellbar. Das Sport-Showbusiness unterliegt anderen Gesetzen, schreibt andere Geschichten, als sie die letzte Giessener Identifikationsfigur Jan Villwock, erlebt hat.

Text: Wolfgang Lehmann

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