Erste Aufeinandertreffen mit Bamberg: Die Gießener glaubten sich in einem Orkan

Erste Aufeinandertreffen mit Bamberg: Die Gießener glaubten sich in einem Orkan

Die Duelle zwischen den Teams aus Gießen gegen Bamberg gehören zu den traditionsreichsten in der Geschichte der Basketball-Bundesliga. Vor etwas mehr als 35 Jahren, genauer gesagt am 17. Oktober 1970, standen sich die beiden heutigen Rivalen in Deutschlands Basketball-Oberhaus erstmalig gegenüber. Seinerzeit reiste das Gießener Team um Kapitän Bernd Röder, „Dschang“ Jungnickel, „Pollo“ Urmitzer, „Kalli“ Ampt und „Didi“ Kienast als hoher Favorit zu dem Auswärtsspiel bei dem Aufsteiger. Seit 1965 war der MTV 1846 ununterbrochen im Endspiel um die Deutsche Basketballmeisterschaft vertreten gewesen, dreimal (1965, 1967 und 1968) hatte man das Meisterschild schon an die Lahn holen können.

Dennoch, die Gießener waren vor den Franken gewarnt. Der Liga-Neuling, damals noch in den 1. FC Bamberg integriert, hatte an den ersten drei Spieltagen mit einem Sieg beim TSV 1860 München und einer unglücklichen 73:75-Heimniederlage gegen den Vorjahreszweiten der Bundesliga-Südgruppe, Grün-Weiß Frankfurt, aufhorchen lassen und seine Liga-Tauglichkeit unter Beweis gestellt. Die Gießener wussten, dass sie ein ungleich schwierigeres Spiel erwarten würde als noch eine Woche zuvor beim 106:42-Kantersieg gegen den zweiten Aufsteiger aus Eppelheim. Bamberg hatte in Person des US-Amerikaners Jim Wade den zum damaligen Zeitpunkt wohl besten ausländischen Spieler in der Bundesliga in ihren Reihen. Der dunkelhäutige Wade markierte 30 Punkte pro Spiel. Ende Dezember wurde er in eine amerikanische Europa-Auswahl berufen und dort zum besten Spieler gewählt. Überdies hatte man davon gehört, dass bei den Bamberger Heimspielen in der John-F.-Kennedy-Halle der Teufel los sein sollte.

So war es dann auch. In dem Spielbericht des Gießener Anzeiger (GA) ist zu lesen, dass die MTV-Spieler die Partie in Bamberg „noch lange in Erinnerung behalten“ werden. „Schon eineinhalb Stunden vor Spielbeginn war die amerikanische Sporthalle – weit vor den Toren Bambergs gelegen – bis auf den letzten Platz gefüllt, und nur mit viel Mühe konnte man sich den Weg in die Halle bahnen; so viele hatten keinen Einlass mehr gefunden. Die rund 2.500 Zuschauer heizten sich vor Beginn gegenseitig mächtig an, und als die Bamberger dann schließlich das Parkett betraten, kannte die Begeisterung keine Grenzen mehr. Schiedsrichetrpfiffe oder Signale vom Anschreibetisch waren nicht mehr zu hören, und die Gießener glaubten sich in einem Orkan. Eine solch große Basketball-Begeisterung hatte es bisher noch nicht gegeben.“

In dem Hexenkessel hatten die Mittelhessen anfangs so ihre Probleme. Schnell lagen sie mit 8:16 zurück. Was im GA-Artikel vor allem damit erklärt wird, dass der MTV „im ersten Durchgang in der schlecht ausgeleuchteten Halle noch auf den dunklen Korb spielen musste. Die Ringe waren so hart aufgelegt, daß die meisten Bälle wieder bis zur Birne zurücksprangen.“ Dennoch, der MTV fand Stück für Stück besser ins Spiel. Besonders Jungnickel, der „eiskalt“ traf, hatten es die Gießener zu verdanken, dass sie in der 15. Minute erstmals in Führung lagen (27:26). Bis zur 33. Minute (59:57 für Gießen) hielt der Gastgeber die Begegnung offen, ehe Kraft und Konzentration bei den im Gegensatz zu den Gießenern nicht sonderlich tief besetzten Bambergern merklich nachließen. Wade war in der zweiten Hälfte bei Kienast bestens aufgehoben und kam am Ende auf für ihn unterdurchschnittliche 22 Zähler. Ampt, Urmitzer und Kienast schossen eine 67:57-Führung heraus. Auch eine Pressdeckung des 1. FC half nichts mehr, Gießen schaukelte die hart erkämpfte Führung nach Hause und kam am Ende zu einem 81:71-Erfolg.

Im Rückspiel war in der Sporthalle Ost dann kein weiterer Kraftakt der Männerturner notwendig. Mit 92:59 setzte man sich gegen einen FC Bamberg durch, „der über weite Strecken von der Fertigkeit eines Mannes profitierte“(Gießener Allgemeine/GAZ). Gemeint war Jim Wade, der mit 33 Punkten zum überragenden Werfer des Abends avancierte. „Bewundernswertes Raunen gab es bereits beim Einspielen. Wade verteilte die Bälle in einer Manier, die auch einem Harlem Globetrotter gut zu Gesicht gestanden hätte“, erfährt man im Spielbericht der GAZ. Gegen das Gießener Kollektiv konnte ein mit zunehmender Spieldauer immer müder werdende Wade alleine allerdings nicht viel ausrichten. Dennoch schloss Bamberg seine Premierensaison in der Südgruppe auf einem äußerst achtbaren fünften Platz unter den zehn Teams ab.

Text: Wolfgang Lehmann

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