Gewinn der ersten Meisterschaft – „Dramatischer haben wir noch kein Basketball-Endspiel erlebt“

Gewinn der ersten Meisterschaft – „Dramatischer haben wir noch kein Basketball-Endspiel erlebt“

Hajo Rauschenbach, Rundfunkreporter in der Heidelberger High-School-Sporthalle, kippte 1965 die Stimme ähnlich wie weiland dem legendären Herbert Zimmermann im Berner Wankdorf-Stadion: “ Uhlig trifft zum 68:67 für Osnabrück. Und Auszeit nimmt der MTV Gießen, zwanzig Sekunden vor dem Spielende…1 Punkt Vorsprung für den VfL Osnabrück…so steht es hier…68:67 für den Nordmeister im Endspiel gegen den Südwestdritten…der Ball wird vom MTV von der Seitenlinie eingeworfen…noch 19 Sekunden…die Uhr läuft…noch 15 Sekunden…Geschwindner zögert, weiß noch gar nicht, was auf dem Spiel steht…denn er muss treffen…UND DA HAT…BUTLER GETROFFEN!!! Der MTV Gießen ist deutscher Basketballmeister! Dramatischer haben wir noch kein Basketball-Endspiel erlebt!“

Auch der damalige Bundestrainer Bilek stufte die Auseinandersetzung zwischen dem MTV Gießen und dem VfL Osnabrück als „das spannendste und beste Endspiel seit dem Krieg“ ein.

Kurz vor der an Spannung nicht zu überbietenden Schlussphase hatte Rauschenbach moniert, die Schiedsrichter hätten phasenweise den Überblick verloren, als „Dschang“ Jungnickel wie zuvor auch schon Bernd Röder eine Minute vor Spielende mit fünf Fouls auf der Bank Platz nehmen musste. Der richtige Überblick aber fehlte den meisten der Zuschauer – auch jenen 400 Schlachtenbummlern, die von Gießen aus an den Neckar gefahren waren.

Nachdem die Führung in diesem Final-Hitchcock ständig gewechselt hatte, Ernie Butler und Klaus Jungnickel eine 66:62-Führung der Osnabrücker ausgleichen konnten, verwandelte der kalt von der Bank für den wegen fünf Fouls ausgeschiedenen „Dschang“ gekommene Heinz Ross einen von zwei Freiwürfen (damals galt noch die Regel, dass jedes Foul in den letzten drei Minuten mit zwei Freiwürfen geahndet wurde) zum 67:66 für den MTV. Osnabrücks Nationalspielmacher Helmut Uhlig aber brachte die Norddeutschen noch einmal mit 68:67 in Führung. Die VfL-Schlachtenbummler mit ihren Siegesgesängen übertönten die verzweifelten MTV-Anfeuerungsrufe.

20 Sekunden blieben noch. Coach Pit Nennstiel rief seine Spieler zu einer Auszeit zusammen und verordnete das denkbar einfache Rezept. Der beste Dribbler auf dem Feld, der erst 19-jährige Holger Geschwindner (siehe auch „Hall of Fame“), sollte von Heinz Ross den Einwurf erhalten, bis kurz vor Spielende den Ball führen und dann zum besten verbliebenen MTV-Werfer, dem 30-jährigen Ernie Butler passen. In den Händen des US-Spielers lag also die Verantwortung für Meisterschaft oder Niederlage. Gesagt, getan. Holger Geschwindner bekam den Ball, dribbelte – aber in Richtung eigener Korb. Was den Fans den Atem stocken ließ, weil sie befürchteten, der Youngster habe die Orientierung verloren und würde womöglich noch einen Eigenkorb erzielen. Und den Reporter glauben ließ, Geschwindner habe den Ernst der Situation nicht erkannt. Doch der in seiner ersten Seniorensaison das MTV-Trikot tragende Zocker (Geschwindner: „Wenn ich heute sehe, wie manche Fußballer ganz eilig an den Schnürsenkeln nesteln, wenn der Trainer Schützen für ein Elfmeterschießen sucht, kann ich nur den Kopf schütteln. Bei uns hätte das früher geheißen: Trainer gib die Pille her. Ich tu ihn rein.“) wusste genau, was er wollte. Da in den Sechzigern die Hallen mit nur einer Spieluhr ausgestattet waren, die in Heidelberg aber über dem MTV Korb hing, dribbelte er mit voller Absicht in diese Richtung, konnte die herunter laufende Uhr beobachten und passte im letzten Moment über das Feld zu Ernie Butler. Dieser spielte sich mit ein, zwei schnellen Körpertäuschungen geschickt frei, stieg hoch und versenkte die Murmel – als wenn es das einfachste der Welt wäre – von weit hinter der heutigen (und damals noch nicht existenten) Dreierlinie, ehe er unmittelbar danach beinahe von seinen Mannschaftskameraden erdrückt worden wäre.

Was dieser Sieg und die erste deutsche Meisterschaft des MTV 1846 Gießen für die Stadt bedeutete, ist daran ablesbar, dass am nächsten Morgen, nach einer durchfeierten Nacht in der MTV-Jahnhalle am Heegstrauchweg, bereits eine Sondernummer der heimischen Tagespresse in den Briefkästen steckte.

Für den MTV 1846 Gießen spielten: Jungnickel (21 Punkte), Urmitzer (18), Geschwindner (16), Butler (8), Röder (3), Gelling (2), Roß (1).

Text: Wolfgang Lehmann

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