JBBL-Headcoach Marcus Krapp im Interview – „Wir haben uns als Mannschaft sehr gut präsentiert“

Foto: Sven Kuczera

JBBL-Headcoach Marcus Krapp im Interview – „Wir haben uns als Mannschaft sehr gut präsentiert“

Marcus Krapp betreut seit Anfang 2018 die JBBL-Mannschaft der ROTH Energie BBA GIESSEN 46ers. Der Diplom-Sportlehrer und A-Lizenz-Inhaber blickt im Interview auf die vergangene Saison in der U16-Bundesliga, erklärt den Alltag der Spieler, die neu in den Leistungssport kommen und gibt einen Ausblick auf den Nachwuchs, der in der kommenden Saison für das Akademie-Team auflaufen könnte.

Wenn du auf die Saison zurückblickst, wie zufrieden bist du mit dem Verlauf des Jahres?

Es war ein langes Jahr. Ich bin sehr zufrieden mit der Entwicklung der Jungs. Aber wir hatten schon Höhen und Tiefen. Die Jungs haben in der Vorbereitung sehr stark angefangen, sind dann so ein bisschen auf den Boden der Tatsachen zurückgekommen, vor allem durch die Spiele beim Turnier in Düsseldorf. Daraufhin haben wir ein paar Sachen umgestellt und sind sehr gut ins Laufen gekommen bis zur Weihnachtspause. Nach der Pause sind wir nicht mehr so richtig in Tritt gekommen. Aber Alles in Allem war das sehr zufriedenstellend.

Meine Erwartungshaltung war eher niedrig, die JBBL ist für die meisten der Einstieg in den Leistungssport. Vor allem für die, die nicht im Hessenkader waren. Da hatten wir zum ersten Mal seitdem ich in Gießen bin, so wenige Spieler. Im Jahr davor hatten wir fünf Hessenkaderspieler aus dem Jahrgang 2002 und einen 2003, dieses Jahr hatten wir nur einen im älteren Jahrgang (2003) und einem im jüngeren Jahrgang (2004). Daher war für mich von vorneherein klar, dass wir nicht in die Hauptrunde kommen. Dass wir dann so gut aussehen in der Relegationsrunde, hätte ich nicht gedacht. Da haben mich die Jungs überrascht und wir haben uns als Mannschaft sehr gut präsentiert.

Da mussten die Jungs sehr viel lernen, was alles dazu gehört zum Leistungssport. Sie mussten zum Beispiel lernen Krafttraining alleine nach Einweisung zu machen. Für viele ist der Umfang der Trainingseinheiten auch explodiert, die haben viel mehr gemacht als vorher. Auch das Intensitätslevel kannten sie vorher nicht aus ihren Vereinen. Das bereitet vielen natürlich erstmal Probleme.

Wie sieht denn überhaupt der Alltag von einem JBBL-Spieler aus?

Der ist sehr voll. Sie haben in der Altersklasse im Normalfall alle immer bis 13 Uhr, meistens zweimal die Woche auch bis 15 Uhr, Unterricht. Dazu haben wir fünf Spieler, die bis zu einer Stunde nach Gießen brauchen. Die meisten spielen außerdem in zwei Mannschaften, da müssen wir gucken, dass die Trainingszeiten gut verteilt werden. Das erklärte Ziel von uns, ist dass sie einen basketballfreien Tag in der Woche haben. Bei uns sah es aus, dass sie montags das U18-Training hatten, dienstags frei und dann Mittwoch, Donnerstag und Freitag JBBL-Training. Samstags war dann mit der U18 oder U16 ein Spiel und Sonntag mit der JBBL, wo es viele lange Reisen gab. Da kommt man insgesamt schnell auf acht Trainingseinheiten plus die Spiele.

Wo kann man die Entwicklung im Team fest machen. In welchem Bereich haben die Spieler den größten Schritt nach vorne gemacht?

In dieser Altersklasse ist es vor allem die individuelle Entwicklung der einzelnen Spieler. Das findest du in den Statistiken wieder. Aber man sieht es auch in den Ergebnissen der Mannschaft. Wir haben es dann doch noch geschafft, Würzburg zu schlagen, die alle anderen besiegt haben.  Auch das Spiel in Köln war sehr knapp, das hätten wir sogar gewinnen können. Und alle anderen nahen Konkurrenten hatten wir im Griff, sodass wir früh den dritten Platz sicher hatten und ich alle Spieler einsetzen konnte. Wir hatten schon drei Spieler aus dem 2005er Jahrgang dabei und es war super, ihnen jetzt schon Spielzeit geben zu können.

In der individuellen Entwicklung siehst du auch, dass zum Beispiel Hannes Bergmann gelernt hat, was es heißt eine Führungsrolle zu spielen. Er hatte keine gute Vorbereitung und dementsprechend hat er auch performt die ersten zwei, drei Spiele. Wenn ich die Statistiken mit dem vergleiche, was er danach gebracht hat, ist das wie ausgewechselt. Später hat er ja fast immer 20 Punkte und 10 Rebounds in ungefähr 25 Minuten geliefert. Da sieht man, wieviel sie leisten können, wenn sie checken, was sie machen müssen. Da ist das Stichwort Persönlichkeitsentwicklung.

Du hast Hannes gerade angesprochen, kannst du noch ein bisschen mehr über ihn erzählen? Er war in dieser Saison ja der statistisch herausragende Spieler und könnte in den nächsten Jahren ja auch noch eine wichtige Rolle spielen im Nachwuchsbereich.

Hannes ist ein sehr interessanter Spieler, weil er groß und bei weitem noch nicht austrainiert ist. Das ist sein größtes Manko, dass ihm körperlich noch unglaublich viel fehlt. Er spielt aktuell auf der Innenspielerposition, er wird tendenziell aber kein Innenspieler werden. Da wird er maximal auf der Vier spielen, eher sogar auf der Drei. Dafür muss er aber noch einige Sachen lernen. Bei mir durfte er schon recht viel, wie z.B.  von außen spielen oder mal den  Ball nach vorne bringen. Die JBBL ist aber auch zu wichtig, um das Experiment zu machen, ihn mal als Point Guard oder zumindest mehr von außen spielen zu lassen.

Das Inside-Spiel war ja diese Saison eine Stärke des Teams. Dazu hat auch Matti Thormeier beigetragen. Wie siehst du ihn als Spieler?

Matti hat meiner Meinung nach auch ein riesiges Potential. Ich habe ihn erst in der fünften Klasse in der Schule für Basketball angeworben. Er ist ein ganz fleißiger, disziplinierter Junge. Seit der fünften Klasse trainiert er eigentlich immer viermal die Woche an der Schule, zusätzlich zu dem, was er im Verein macht. Er konnte am Anfang quasi gar nicht springen und laufen, ist mittlerweile athletisch aber echt gut. Mit ihm haben wir das erste Spiel der Saison in Heidelberg gewonnen, weil ich ihn als Point Guard habe spielen lassen. Sie hatten einen richtig großen Center, der ihn im Dribbling aber ganz und gar nicht verteidigen konnte.

Eigentlich kann Matti, wie Hannes auch, gut werfen. Ich hatte für die beiden extra einen Spielzug kreiert, wo sie werfen können. Sie hatten das absolute Go, Dreier zu werfen, weil sie es können, aber sie haben es nicht oft getan. Da merkt man dann wieder die Unerfahrenheit des Teams. Der meistgesagte Satz des Jahres von mir war wahrscheinlich „Warum wirfst du nicht auf den Korb?“.

Matti und Hannes waren auf jeden Fall die beiden Spieler, von denen ich dachte wir haben einen Vorteil auf dem Feld und deshalb haben wir auch das Play für sie designt. Dass es so leicht ist und das Play immer wieder klappt, hätte ich nicht gedacht. Die anderen Teams haben sich ganz wenig auf den Gegner vorbereitet und es wurden nur selten Plays gespielt. Außer Köln hatten viele Teams gar kein Play und manche nur eins. Das ist wieder modern und eigentlich auch ganz gut so, aber mir ist es etwas zu wenig. Die Kiddies müssen immer besser lernen, eins gegen eins zu spielen. Wir haben in Deutschland ganz lange ab der U14 nur Plays abgelaufen. Damit scorst du, weil es keiner verteidigen kann, aber du lernst so nicht Basketball zu spielen. Das haben die Trainer mittlerweile verstanden. Daher haben wir auch sehr, sehr viel Eins gegen Eins-Penetrations gehabt. Weil wir es nicht kannten, waren wir zwar oft überfordert damit, es zu verteidigen; zum Lernen war es aber super.

Nichtsdestotrotz gehört für mich in der JBBL aber auch ein System dazu. Zum Beispiel auch ein Pick-and-Roll zu lernen. Den Gegner zu studieren und seine Stärken zu verteidigen. Ich habe mich mit ein paar JBBL-Trainern unterhalten und sie meinten, dass sie gar keine Gegnervorbereitung machen. Wir haben uns dagegen auf jeden Gegner mit Videoanalyse vorbereitet. Das hat man auch deutlich gesehen. Auch wenn wir manche Spiele klar verloren haben, hatten wir zum Beispiel Frankfurt zur Halbzeit noch auf unentschieden. Einfach weil wir ihnen ihr Play weggenommen haben und sie nicht gegen uns spielen konnten. Bis auf das Spiel gegen Regnitztal, die einfach zu stark für uns waren, haben wir so alle Gegner geärgert. Wir hatten später in unserer Relegationsgruppe nicht ohne Grund die beste Verteidigung.

Von den Innenspielern kommen wir nun zum Backcourt. Den Namen welches Spielers dort sollte man sich merken?

Da würde ich auf jeden Fall Christopher Herget nennen. Er ist aus dem jüngeren Jahrgang und war unser bester Verteidiger. Er versteht da schon am meisten, was er machen muss. Leider hat er aber auch am allerwenigsten Selbstvertrauen, auf den Korb zu werfen. Ihm musste ich immer wieder sagen, dass er auch einen Korbleger machen kann, statt aus drei Metern den Floater zu nehmen. Er hat im Feedback-Gespräch zu mir gesagt, dass er es gut findet, dass er auch mal einen Dreier werfen darf. Mit so einer Einstellung kommen die Kinder teilweise aus der U14 heraus, „ich darf mal werfen“. Das zu ändern, kann lange dauern, wenn sie vorher zwei Jahre lang gehört haben, dass sie nicht werfen dürfen. Aber er hat nebenbei auch U16-Oberliga gespielt und da schon konstant 20 Punkte gemacht. Auch körperlich hat er eine gute Disposition und trainiert sehr viel. Er hat Bock.

Im 2003er Jahrgang sind viele Außenspieler erst spät eingestiegen oder erst spät richtig motiviert gewesen. Für die wird das U18-Jahr jetzt sehr wichtig. Ich hoffe sehr, dass sie jetzt die Quali schaffen werden. Unser Point Guard Lorenz Klippel stand beim MTV in den Jahren vorher immer im Schatten von den jetzigen NBBL-Spielern Sebastian Brach und Tim Schneider. Da hatte er selten den Ball in der Hand. Wenn ich mit zwei solchen Spielern groß werde und bin der jüngere Jahrgang, ist es natürlich schwer. Er hat jetzt einen richtigen Sprung nach vorne gemacht und auch das Spiel verstanden und die Mannschaft gelenkt. Davon hatten wir einige Spieler, die ihr Potential immer wieder gezeigt haben, es aber nicht konstant abgerufen haben.

Kommen wir mal zur Zukunft: Wie stellst du ein JBBL-Team zusammen und kannst du uns schon einen Ausblick geben, was kommt im nächsten Jahr nach?

Wir machen seit dem 2. Mai unser Tryout. Letztes Jahr war es schon groß und es ist nochmal größer. Wir haben über 30 Spieler, die um die Plätze im Kader kämpfen. Auch von Vereinen, wo wir bislang noch keinen richtigen Zugang hatten. In dem Doppeljahrgang haben wir das Problem, dass wir sehr, sehr klein sein werden. Das, was dieses Jahr unsere Stärke war, haben wir nicht mehr. Dafür werden wir spielerisch einen Ticken besser sein. Auf den großen Positionen haben wir eigentlich gar nichts. Tristan Göbel ist wahrscheinlich ausgewachsen. Er ist zwar ein Großer, aber perspektivisch kein Innenspieler. Als Neuzugang haben wir eventuell einen großen Spieler aus Fulda. Aber das muss sich jetzt zeigen, ob das realisierbar ist. Auch im Jahrgang 2005 gibt es niemanden, der richtig groß ist.

Ansonsten stelle ich den Kader immer so zusammen, dass wir 15 bis 18 Spieler haben, ein bisschen mehr Spieler als man eigentlich denkt, wie es richtig wäre. Das ist aber wichtig, weil man dann jeden Ausfall einfach kompensieren kann. Und man zwingt so alle Spieler 100-prozentig mitzuziehen, um Spielzeit zu erhalten. Wir haben auch sehr viele Anmeldungen aus dem jüngeren Jahrgang, für die ist es aber immer etwas schwerer hineinzukommen. Da geht es dann für uns darum, dass sie im nächsten Jahr gut versorgt sind, also in einer guten Mannschaft spielen und einen guten Trainer haben.

Bis zum Saisonstart in die neue JBBL-Saison ist ja noch gut ein halbes Jahr Zeit. Wie sieht der Fahrplan für den Sommer aus?

Die Jungs, die im Kader waren, die sind mit Trainingsplänen versorgt und wissen, was sie zu tun haben. Ich habe mir vorgestellt, ungefähr vier Tryout-Termine zu machen mit den Jungs. Sobald ich mich dann entschieden habe, welche Kinder in den Kader kommen, geht es los. Es wird ein Athletikprogramm für den Sommer aufgelegt, da sie ja meistens aus der U14 kommend, da noch recht viel Nachholbedarf haben. Dann wird im individuellen Bereich einiges zu tun sein. Und nach und nach werden wir dann implementieren, was wir spielen wollen. Ich hoffe, dass es wieder so klappt wie letztes Jahr, als wir zwei Turniere vor den Sommerferien spielen konnten. Da konnten wir schon viel sehen, wie die Jungs das annehmen. Und dann nochmal ein oder zwei Turniere und ein paar richtige Freundschaftsspiele nach den Sommerferien, in der direkten Vorbereitung auf die Saison. Auch wenn Turniere oft sehr anstrengend sind, und gerade das dritte Spiel an einem Tag, wenig Aufschluss bietet. Es ist immer gut, mit den Kids unterwegs zu sein um sie kennenzulernen  und für sie selbst im Sinne des Teambuildings.

Danke, Marcus!

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