Jürgen Gelling: Vom Eckenschützen zum Rinderzüchter

Jürgen Gelling: Vom Eckenschützen zum Rinderzüchter

Nein, wer bei Jürgen Gelling eine geradlinige Entwicklung vom rechten Flügelspieler der MTV-Meistermannschaft von 1965 zu seinem heutigen Lebensinhalt vermutet, ist wohl auf der schiefen Bahn. Im Kreis von Klaus Jungnickel, Bernd Röder, Ernie Butler („Wen der einen Schuss angetäuscht hat und sein Verteidiger ist hoch gesprungen, hat Ernie nur gesagt – Zu lange in der Luft ! – und ist vorbei gedribbelt. Von dem habe ich viel gelernt!“); Holger Geschwindner, Karl Clausen hat er sich wohl gefühlt, sauwohl. Dass sich der mittlerweile pensionierte gelernte Schriftsetzer und spätere Gesamtschullehrer heute mit Rindern umgibt, hat mit seiner Zeit beim MTV 1846 Gießen nichts zu tun. Im Gegenteil: „Wir waren damals eine eingeschworene Gesellschaft. Wir haben nicht nur zusammen Sport getrieben. Bei uns wusste jeder, was der andere denkt, was er fühlt. Es war eine tolle Kameradschaft.“

Dazu gehörte auch, Jürgen Gelling kann sich noch lebhaft erinnern, dass „wir immer heftig einen gelötet haben nach dem Training oder den Spielen. Wenn die Münchner in Gießen gespielt haben, waren die nachher schneller besoffen als wir.“ Der 61-jährige gebürtige Ostpreuße ist also nicht aus nostalgischen Gründen aufs Rind gekommen, sondern in der Folge der BSE-Krise: Damals haben meine Frau und ich uns gesagt, dass wir genau wissen wollen, was wir essen. Und so züchtet sich der mittlerweile im Raum Fulda lebende Jürgen Gelling sein Steak heute selber.

Diese Entwicklung ahnte der gebürtige Ostpreuße wohl kaum, als er nach den Kriegswirren in Alsfeld sesshaft wurde. Selbst seine spätere Basketball-Meisterschaft war nicht in die Wiege gelegt. „Ich war begeisterter Fußballer.“ Doch dann wechselte er aufs Internat nach Laubach, lernte Basketball-Pionier Theo Clausen kennen. Der nahm ihn eines Tages mit zu einem Spiel der Harlem Globetrotters. Und fortan wollte Teenager Gelling nur noch auf die Körbe werfen. Seine für heutige Basketball-Verhältnisse zwergenhaften 1,81 Meter Körperlänge ließen den Laubacher Sportkameraden von Holger Geschwindner und Karl Clausen auf die Flügelposition rücken: „Gemeinsam mit Heinz Ross war ich beim MTV der Kleinste. Aber damals waren im Basketball die Ecken noch nicht gut verteidigt. Von da aus habe ich dann meine Würfe genommen.“ Allerdings nicht besonders viele. Denn die Hierarchie war klar. Erst mal sehen, was der Dschang (Klaus Jungnickel) macht. „Der hat jedes System blockiert, weil er immer schießen wollte. Aber wir haben das akzeptiert.“ So hat Gelling, der schon frühzeitig – auch im Meisterjahr – mit Verletzungsproblemen zu kämpfen hatte, nach seiner Erinnerung pro Spiel nur drei- oder viermal geschossen: „Manchmal habe ich vorher höflich gefragt, ob ich schießen darf.“

Nach der rauschenden Meisterfeier von 1965 hat es Gelling deshalb zum VfB 1900 gezogen, wo er endlich auch zum Erste-Fünf-Spieler wurde. Dann wanderte er nach Lich ab, zockte mit Werner Soffel und Hans-Georg Rupp beim TV und wechselte berufsbedingt erst nach Fulda, dann nach Erlensee. Und an der Gesamtschule Erlensee leistete der deutsche Basketball Meister von 1965 noch einmal echte Pionierarbeit. Gründete eine Basketball AG, woraus ein Verein entstand, den er zu drei Aufstiegen coachte. Doch all das liegt einige Zeit zurück. Heute kümmert er sich um seine Rinder, angelt Lachse und freut sich auf das vom Giessener Anzeiger und den 46ers organisierte Wiedersehenfest der Meistermannschaft von 1965 im kommenden April.

Text: Wolfgang Lehmann

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