Kein Trainer da, Leistungsträger weg, US-Spieler zu klein, Ergebnis: 4. Deutsche Meisterschaft

Kein Trainer da, Leistungsträger weg, US-Spieler zu klein, Ergebnis: 4. Deutsche Meisterschaft

„Magic Moments“ entwickeln ihre Kraft zur Unvergesslichkeit häufig aus einem Überraschungsmoment. Nach der 1. Deutschen Meisterschaft 1965 mit dem Korberfolg Ernie Butlers in der letzten Spielsekunde jubelte Basketball-Gießen zwar auch über die Titelgewinne der Jahre 1967 und 68. Aber so richtig verzaubern ließen sich die MTV-Fans erst wieder beim vierten Titelgewinn im Jahre 1975.

Das lag daran, dass die Männerturner in der Saison 74/75 niemand als Titelaspiranten auf der Rechnung hatte. Im Gegenteil. Nachdem Olympiateilnehmer „Kalli“ Ampt seine Zelte Richtung Bamberg abgebrochen, US-Center Tony „Anton“ Koski der Osthalle den Rücken gekehrt , Klaus „Dschang“ Jungnickel die Laufbahn als Aktiver beendet hatte und Jochen Decker nicht mehr zur Verfügung stand, befürchteten viele, dass der ruhmreiche MTV 1846 nach dieser richtungsweisenden Saison (letztmalig wurde in der zweigeteilten Bundesliga gespielt, nur die ersten Sechs sollten sich automatisch für die neue einteilige Bundesliga qualifizieren) mit leeren Händen dasteht.

Und getreu der alten Fußballer-Weisheit, „Haste Scheiße am Fuß, dann haste Scheiße am Fuß“, gestaltete sich auch die Trainersuche als problematisch. Mit Didi Kienast, der zwar als ausgezeichneter Trainer, aber als Coach ohne Fortune in die Annalen des MTV Gießen einging, mochte das Team um Kapitän Boni Breitbach nicht mehr arbeiten. Wunschkandidat Steuer, ehemaliger holländischer Nationaltrainer, kam nach Gießen, sah und verschwand über Nacht in Richtung Nizza. Kandidat zwei, der Rumäne Nosievici, fand keine Arbeit in Gießen (selbstverständlich war in den Siebzigern auch der Trainerposten nur nebenberuflich auszuüben) und verabschiedete sich in Richtung Luxemburg.

Dann der Schreck mit dem neuen US-Spieler. Wie zu diesen Zeiten üblich, wurden Amerikaner auf Empfehlung oder aus dem Katalog verpflichtet. Videoaufzeichnungen gab es ebenso wenig wie das Internet oder amtliche Scoutings. Tony Koski hatte MTV-Manager Heinz Ewald Hirsch vor seinem Abschied einen Kumpel empfohlen: Dennis Curran. Laut Koski ein Bär von einem Center, mindestens 2,05 Meter groß. Curran jedoch passierte das, was vielen US-Spielern damals widerfuhr. Er erlebte auf dem Flug über den großen Teich einen merkwürdigen Schrumpfungsprozess. „Als Curran kam, trauten wir unseren Augen nicht“, erinnert sich Hans Heß. Da stand einer, mit Jeans, zehn Dollar und einer Gitarre als gesamter persönlicher Habe – vor allem aber mit einer Körpergröße von 1,93 Metern.

Doch nun war er mal da, und wie in Gießen üblich, machten die Basketballer aus der Not eine Tugend. Kienast stellte Curran auf die Position des Spielmachers. Die ersten drei Spiele gegen schwächere Mannschaften wurden gewonnen, wenn auch nicht überzeugend. Dann wartete mit Koblenz ein erster echter Prüfstein. Und weil die Trainerfrage immer noch
nicht abschließend geklärt war, kam Mannschaftskapitän Boni Breitbach auf die Idee, den alten Mannschaftskameraden „Dschang“ Jungnickel an seiner Ehre zu packen. Jungnickels Maßnahmen waren einfach, aber wirkungsvoll. Er beorderte Curran ans Brett (Jungnickel: „Wir hatten mit Breitbach, Weigand, Bernath und Krausch genügend gute Spielmacher“) und verordnete seiner wieselflinken Mannschaft ein vierzigminütiges Dauerpressing des Gegners. Dann gesellte sich das Glück an Jungnickels Seite.
Gießen gewann das erste Spiel unter seiner Leitung in Koblenz mit einem Punkt und rannte fortan die Gegner in Grund und Boden. „Viel Taktik haben wir nicht gemacht, aber gnadenlos Fastbreaks gelaufen sind wir“, hört sich das aus dem Mund des damaligen Vize-Teamkapitäns Hans Heß an. Hinzu kam, dass sich Curran immer mehr zu einem echten „Kampfschwein“ entwickelte, Rebounds abgriff wie ein zwei Meter-plus-Hüne. So schaffte die körperlich scheinbar unterlegene MTV 1846-Truppe völlig überraschend den Einzug ins Finale.

Zweimal galt es da gegen den USC Heidelberg anzutreten. In der Sporthalle Ost hatte der USC vor 4000 (!!) Zuschauern keine Chance und verlor 69:84. Im Rückspiel kam es zwar zu einer Zitterpartie. Aber nach einer dramatischen Schlussphase verliert die Jungnickel-Truppe nur mit 56:67 und holt die 4. Deutsche Meisterschaft nach Gießen.

Text: Wolfgang Lehmann

Letzte News