Magische Nacht in der Käsekiste

Magische Nacht in der Käsekiste

Magische Momente – das waren in der Rückschau bislang vor allem die sportlichen Feuerwerk-Abende in der Sporthalle Ost, der Sporthalle der Pestalozzi-Schule oder der Doppelturnhalle. Dabei spielten sich magische Momente in jenen Zeiten, als Basketball in Gießen noch unter dem Zeichen und Namen des MTV 1846 stattfand, vor allem auch im Vereinsheim am Heegstrauchweg und später in der Käsekiste oder bei Bruno in der Ludwigstraße ab. Was heute unvorstellbar scheint, war in den siebziger Jahren noch Gang und Gäbe. Nach Heimspielen traf sich nicht nur die gesamte Mannschaft samt Trainer und Manager in der Kneipe. Auch die Gastmannschaft trat den Heimweg nicht selten erst spät in der Nacht an, nachdem das Spiel beim Licher Bier noch einmal nachgekartet worden war.

Unvergessen für viele die Spiele der letzten MTV-Meistermannschaft von 1978 gegen den damaligen Rivalen TuS Bayer Leverkusen mit Norbert Thimm und Rudi Kleen, die regelmäßig in der Käsekiste endeten, wobei es passierte, dass die langen Kerls, nach Spiel und Schoppen ausgehungert, nächtens die Küche besetzten und sich wie selbstverständlich Spiegeleier in die Pfanne hauten. Chef Wolfgang Hofmann stand staunend dabei (wurde auch als Wirt nicht erkannt) und durfte Handreichungen machen („Hey du, gib mir doch mal die Eier r+ber“). Zu jener Zeit, als die Spieler noch überwiegend Studenten waren, für ihr sportliches Engagement zwischen 200 und 1000 Mark pro Monat bekamen, und überwiegend in Gießen oder der näheren Umgebung geboren waren, klang die tägliche Trainingseinheit (nur mittwochs war frei) beinahe wie selbstverständlich im Vereinsheim oder im Tennis Club Rot Weiß oder in der Käsekiste aus. Wo immer die Spieler wie Kalli Ampt, Roland Peters, Hans Hess, Matzi Strauß oder Bobby Minor hinkamen, wurde ihnen auf die Schulter geklopft, standen sie mit den Fans gemeinsam an der Theke, saßen sie Abende lang im Mannschaftskreis zusammen und würfelten die Jule aus. Nach Niederlagen benötigten die frustrierten Anhänger kein Forum im noch nicht existierenden Internet um sich ihren Frust von der Seele zu reden. Sie stellten Trainer und Spieler gleich an der Theke zur Rede, tranken einen zusammen und waren besänftigt.

Mit ausgesprochen gemischten Gefühlen dürfte sich allerdings einer der Wirte der damaligen „Basketball-Kneipen“ in Gießen, Wolfgang Hofmann an jene Zeiten erinnern. Zwar war die Präsenz der Bundesliga-Basketballer auf der einen Seite die beste Werbung für das eigene Etablissement. Auf der anderen Seite aber standen einige Kosten. Neben der nie abgerechneten Spiegeleiern der Leverkusener Spieler kosteten die magischen Momente auch immer mal ein kräftiges Bußgeld. Als Gießens letzte Helden im Frühjahr von ihrem Meisterschaftsstreich aus Wolfenbüttel nach Gießen zurück kamen und der Titelgewinn von einigen hundert Fans in der gestopft vollen Käsekiste bis in die Morgenstunden gefeiert wurde, flatterte wenige Tage später ein Bußgeldbescheid ins Haus. 300.-DM Ordnungsstrafe wurden verhängt. Begründung: Die kontrollierenden Beamten des Ordnungsamtes hätten nach zwei Uhr in der Nacht in der Käsekiste keinen Stehplatz, geschweige denn einen Sitzplatz finden können. Wer dabei war, wird sich erinnern: es war eine magische Nacht.

Text: Wolfgang Lehmann

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