Manchmal wurde auch bei strömendem Regen gespielt

Manchmal wurde auch bei strömendem Regen gespielt

Da sitzt er nun in der betagten Sporthalle Ost, der noch verbliebene Dinosaurier der Liga, das einzige Gründungsmitglied der Bundesliga, der letzte wirkliche und echte Traditionsverein. Wobei manch ein Basketball-Fan mit dem Pech der späten Geburt glauben mag, dass die vielleicht in ihrer letzten Bundesliga-Saison befindliche ehemalige „Gutt Stub'“ des heimischen Hallensports schon immer da war. Weit gefehlt!
Zwar hat die Osthalle schon viele magic moments des MTV 1846 Gießen, der Flippers, von Avitos Gießen und auch bereits der Giessen46ers erlebt. Aber wer sich als Zuschauer heute darüber beschwert, dass er bei ausverkauftem Haus Oberschenkel an Oberschenkel mit dem Nachbarn auf Holzbänken sitzt und zu lange Wege bis zum VIP-Raum zurücklegen muss, der sei erinnert an jene Tage, als die Erfolgsgeschichte des Basketballs an der Lahn begann.

In einer Turnhalle spielten „Dschang“ Jungnickel and friends. Wer an weniger geeigneter Stelle aus dem Spielfeld sprang, um einen Ausball noch zu retten, landete unsanft auf einem Dickrippen-Heizkörper. Technisch weniger bedarfte Spieler, die den zweiten Schritt des Korblegers nicht lehrbuchgemäß in die Höhe, sondern in die Tiefe des Raumes ausführten, fanden sich auf der in den 60er Jahren üblichen, unmittelbar ans Spielfeld angrenzenden Bühne der Halle wieder. Doch mit der Turnhalle der Pestalozzi-Schule waren die Gießener Basketballer sogar noch vergleichsweise komfortabel ausgestattet.

In Roßdorf, einem der großen Rivalen um den Aufstieg in die höchste deutsche Spielklasse, die Oberliga, wurde unter freiem Himmel gespielt! So kassierten die Gießener in der Saison 1961/62 ihre deftigste Schlappe im Auswärtsspiel bei der SKG Roßdorf – in strömendem Regen. Zeitzeugen wissen von einer ungestüm anrennenden Heimmannschaft zu berichten, Tempobasketball mit Aquaplaning Gefahr.

Aber wer es gewohnt ist auf Körbe zu spielen, hinter denen sich nichts als die Weite des Himmels abzeichnet, tut sich naturgemäß schwer in auswärtigen Gefilden, wo Heizkörper und rote Ziegelbau-Massivbauwände das Spielfeld begrenzen. Im Rückspiel, am 7. Januar 1961, ließen die Giessener Himmelsstürmer dem Tabellenführer vor 200 Zuschauern in der „Pesta“ keine Chance. Die Annalen berichten für Szenenapplaus der Fans für die „Solo-Dribblings“ des amerikanischen Studenten im MTV-Laibchen, Rex Beach.

Mit 63:44 behielt Gießen letztlich die Oberhand um den Turm in der Abwehrschlacht, Bernd Röder (siehe Hall of Fame) Bereits in jener Spielzeit hätte der MTV nach dem Erreichen der Vizemeisterschaft in Hessen und Qualifikationsspiel-Siegen über Rot-Weiß Koblenz (einer der ganz großen Vereine jener Zeit – heute ohne Basketball-Abteilung), Ludwigshafen und Saarbrücken in die Oberliga aufsteigen können.

Aber bis auf die erfolgshungrigen und selbstbewussten Klaus Jungnickel sowie Bernd Röder fürchtete die Mannschaft noch den ungewissen Sprung in die höchste deutsche Spielklasse. Sie verzichteten freiwillig auf den Aufstieg. Ein Jahr später aber gab es dann kein Halten mehr. Erst schaffte die Mannschaft um Jungnickel, Röder, Nennstiel, Schubert, Simon, Schirmer, Krämer, Dr. Kirchheim, Geserich und dem unvergessenen Ernie Butler die Hessenmeisterschaft. Dann setzte sie zum großen Sprung in die Oberliga an. Mit einer bösen Überraschung wartete zunächst Koblenz auf. Die Rheinländer, in den Rundenspielen noch chancenlos gegen den MTV 1846 Gießen. Holten sich nur für die Aufstiegsspiele den in jenen Tagen besten deutschen Korbjäger, Klaus Weinand.

Mit dem Ausnahmetalent, das später auch in Madrid spielte, sicherte sich Koblenz den Aufstieg. Um den zweiten Aufstiegsplatz stritten sich Offenbach, Bad Kreuznach und Gießen. Alle drei Teams hatten am Ende das gleiche Punktekonto, so dass ein Blitzturnier mit einer Spielzeit von zweimal fünf Minuten entscheide musste, wer Koblenz ins Oberhaus begleitet. In der alles entscheidenden Partie gegen Offenbach sahen die Südhessen unmittelbar vor Schluss schon wie der Sieger aus. 15 Sekunden waren noch zu spielen. Offenbach führte mit 19:16. Bernd Röder schaffte das sieben Sekunden vor Schluss das 19:18, aber Offenbach war in Ballbesitz. Doch die Nerven spielten Gießens Gegner einen Streich. Der Ball rutschte ihnen ins Aus. Noch einmal gab es Einwurf Gießen.

Walter Isheim hielt es in der Halle nicht mehr aus. „Jack“ Krämer schnappte sich den Ball, warf ein zu Ernie Butler, der schoss sofort. Die Nylonkugel sprang auf den Ring, ans Brett, auf den Ring, ans Brett – und fiel schließlich mit dem Schlusspfiff durch das Netz. Seit diesem Zitterwurf von Ernie Butler spielt der MTV 1846 Gießen in Deutschlands höchster Spielklasse, die vier Jahre später den Namen Bundesliga erhielt. In der Nordgruppe gehörte Hagen zu den Vereinen der ersten Stunde, im Süden der MTV Gießen. Gemeinsam mit im Basketball längst vergessenen Clubs wie Bayern München, Schwaben Augsburg, SV Möhringen oder BC Darmstadt.

Text: Wolfgang Lehmann

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