Mann ohne Muskeln – Ted Hundley

Mann ohne Muskeln – Ted Hundley

Ernie Butler, „Toni“ Koski, Dennis Curran, Maurice Presley, Sly Kincheon, Ben McDonal Douglas Roth, Lance Blanks, Keith Gatlin, Scooter Barry, BJ McKie,… Das wäre mal ein Expertenquiz, die heimischen Basketball-Fans nach den Namen sämtlicher Gastarbeiter aus den USA abzufragen, die seit Mitte der sechziger Jahre in der Sporthalle Ost für Gießen auf Korbjagd gingen.

Es werden wohl an die hundert dunkel- wie hellhäutige Heilsbringer gewesen sein, die über den großen Teich kamen, um den Männerturnern, Flippers und Avitos-Angestellten bei ihrem Bemühen um Punkte und Meisterschaft beizustehen. Manch einer blieb nur wenige Tage, andere über viele Jahre. Der eine hinterließ eine Wohnung, die von den Verantwortlichen am liebsten mit einem Flammenwerfer renoviert worden wäre, viele knüpften an der Lahn feste Bande und schufen Freundschaften fürs Leben. Einige machten sich bei Nacht und Nebel aus dem Staub, die meisten verabschiedeten sich mit großem Bahnhof. Viele haben einen Platz in der Gießener Hall of Fame verdient.

Einer von ihnen, der auch nach 25 Jahren immer noch in telefonischem Kontakt zu seinen Hessischen Freunden steht, ist der Center der letzten deutschen Meisterschaft von 1978, Ted Hundley. Es gab in jener Zeit weder Scoutings noch die Dreierlinie. Die systematische Spielbeobachtung steckte noch in den Kinderschuhen. Doch wenn es beides schon gegeben hätte, wäre der Center des MTV 1846 Gießen ein Phänomen gewesen. Engagiert als Längster seiner Mannschaft mit knapp 2,10 Meter mochte Hundley die Wühlarbeit unter den Brettern überhaupt nicht. Überhaupt: den Körperkontakt zu Gegenspielern scheute der hellhäutige Schlaks wie der Teufel das Weihwasser. Dafür klinkte der Anti-Schwarzenegger (sein damaliger Trainer Hannes Neumann: „Wir ulkten in der Mannschaft schon immer, dass Ted nur aus Bindegwebe bestehe und gar keine Muskulatur habe“) die Kugel von ganz weit draußen in die Reuse, dass es den Fans eine Wonne war.

Unvergessen die damalige Variante der Triangle-Offense, im Zeichen der Zeit noch „Dreieck oben“ benannt, wenn Hundley gegen eine gegnerische Zonenverteidigung von der Freiwurflinie auf den Flügel rochierte, angespielt wurde und schon beim Anspiel ein Raunen durch die Osthalle ging. Denn jedem Zahlgast war klar, was folgen würde. Ein Schuss des Centers vom Parkplatz oder aus der Dusche. Schade für Ted, dass diese Sprungwürfe (Sprunghöhe: geschätzte fünf Zentimeter) noch nur zwei Punkte zählten. Sonst wäre der MTV wahrscheinlich noch sicherer deutscher Meister 1978 geworden.

Text: Wolfgang Lehmann

Letzte News