„Mike“ Mitchell – Immer ein Lachen im Gesicht

„Mike“ Mitchell – Immer ein Lachen im Gesicht

Natürlich hätte er einen schöneren Abgang verdient gehabt. Aber Michael „Mike“ Mitchell musste sich damit arrangieren, von der Basketballbühne abzutreten, ohne ein einziges Spiel in dem allerletzten seiner insgesamt 15 Profijahre absolvieren zu können. Eine schwere Schulterverletzung, die er sich im Verlauf der Saison 2003/2004 zugezogen hatte und im Spätsommer 2004 operativ behandelt wurde, ließ eine größere Belastung und infolgedessen einen Einsatz in der aus Gießener Sicht mit dem Einzug ins Playoff-Halbfinale fantastisch verlaufenen Spielzeit nicht mehr zu. „Zu Beginn der Saison habe ich immer noch gehofft, irgendwann doch noch dabei sein zu können. Erst als ich in der zweiten Saisonhälfte gemerkt habe, dass es einfach nicht mehr geht, habe ich innerlich losgelassen“, gewährte der seinerzeit 38-Jährige kurz vor dem endgültigen Ende seiner Karriere einen Einblick in seine Gefühlswelt.

Kein Zweifel besteht darin, dass die Fans der 46ers den 2,02m großen Combo-Forward nichtsdestotrotz in guter Erinnerung behalten werden. Als der mit einem irischen EU-Pass ausgestattete US-Amerikaner im Jahr 2000 vom damaligen Head Coach Joseph „Joe“ Whelton nach Gießen geholt wurde, war Mitchell basketballerisch gesehen in seinen besten Jahren. An der Seite von Center Reggie Bassette und den Guards Rick Stafford und Adonis Jordan war der mit einem schnellen ersten Schritt ausgestattete und physisch starke Mitchell der Hauptgarant dafür, dass die Gießener die Hauptrunde der Saison 2000/2001 auf Platz vier beendeten, sich anschließend im Play-Off-Viertelfinale mit 3:1 gegen Würzburg durchsetzten und „Basketball-Gießen“ damit das beste Abschneiden seit 1987 feiern durfte. Dass die Halbfinalserie gegen ALBA Berlin mit 0:3 verloren ging, tat der Freude keinen Abbruch.

Unvergessen die Schlussphase in Spiel vier des Viertelfinales in Würzburg, als „Big Daddy“ bei einem 76:80-Rückstand rund 45 Sekunden vor dem Ende erst einen Dreier aus der äußersten linken Ecke einstreute und wenig später seine schnellen Hände einsetzte, einen Würzburger Angriff abfing und per Schnellangriff zum 81:80 ablegte. Mitchell war Whelton zufolge der wertvollste Spieler des Gießener Halbfinalteams, kam in jenem Jahr auf Durchschnittswerte von 17 Punkten, fünf Rebounds und zwei Ballgewinnen pro Spiel bei einer 39-prozentigen Trefferquote aus dem Dreipunktebereich. Schon in der Saison 1998/1999 hatten Whelton und Mitchell in Rhöndorf erfolgreich zusammengearbeitet und das Playoff-Halbfinale erreicht.

In Gießen konnte Mitchell, der 1990 als zweiter Pick im CBA-Draft ausgewählt worden war und vor seinem Wechsel an die Lahn lange in Australien (Gold Coast Rollers, Brisbane Bullets, North Melbourne) und für kurze Zeit auch in Frankreich (Besancon) gespielt hatte, zwar nicht mehr an die Leistungen aus seinem Gießener Premierenjahr heranreichen, mit zahlreichen starken Vorstellungen führte der abseits des Feldes stets bescheiden auftretende Teamkapitän den mittelhessischen Erstligisten aber noch einmal in das Play-Off-Viertelfinale (2001/2002) sowie in das Pokal-Top-Four-Endurnier in Berlin (2002/2003). Von 2000 bis 2003 gehörte er außerdem dem irischen Nationalteam an.

Nach dem Ende der Saison 2004/2005 kehrte der zweifache Familienvater (Sohn Donovan, Tochter Myca) in seine Heimat Belflower in Kalifornien zurück. Mitchell war als Assistenztrainer des College-Basketballteams der University of California, Riverside, und Head Coach des Jungenbasketballteams der Ramona High School tätig, ehe er im April 2008 Assistenztrainer der in der Frauen-NBA (WNBA) beheimateten Chicago Sky wurde.

Nochmal zurück zu seiner BBL-Karriere: „Auf seiner Position war Mike immer einer der besten Spieler. Ich hatte immer sehr viel Respekt vor ihm. Nicht nur wegen seiner sportlichen Leistung, sondern auch wegen seines Verhaltens den anderen Spielern gegenüber. Er ist einer der Legenden in der BBL. Er gehört auf eine Stufe mit Spielern wie Wendell Alexis und Charly Brown“, kam das größte Lob für den Basketballspieler Michael Mitchell aus dem Munde von keinem Geringeren als Sasa Obradovic, der in der Bundesliga bekanntlich selbst zu den ganz Großen seiner Zunft zählte.

An Mitchells positives und stets vorbildliches Auftreten auf dem Basketballcourt wird man sich in Gießen auch in vielen Jahren noch gerne zurückerinnern. Ebenso an sein Lachen, dass „Big Daddy“ auch nach der ein oder anderen missglückten Aktion ins Gesicht gemalt war.

Text: T. Alver

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