Missionar und Terrier: Carl Clausen

Missionar und Terrier: Carl Clausen

Wenn es je eines lebenden Beweises bedurfte für die Richtigkeit der Behauptung, dass der Mensch von seinen Genen und der Umwelt bestimmt wird, dann trägt er im Basketball den Namen Carl Clausen, des „Back-up“-Spielmachers der 65er Meistermannschaft. Vater Theo war einer der Pioniere des schnellen US-Sports, die nach den olympischen Spielen von 1936 vom Reichsbund für Leibeserziehung den Auftrag erhielten, deutschen langen Kerls die orange farbene Nylonkugel in die Hand zu drücken. Sohn Carl erblickte im Jahr 1941 in Rossdorf das Licht einer scheinbar untergehenden Welt. Vater Theo hatte da bereits Kontakt zum MTV 1846 Gießen und den Pionieren Rupprecht Krausch und „Beppi“ Mohr. Und sobald die Weltkriegs-Trümmer weggeräumt waren, durfte auch Steppke Carl die Gehversuche auf dem Spielfeld zwischen den beiden Körben unternehmen. „1947 habe ich mein erstes Spiel gemacht. Das war ein Einlagespiel bei der ersten deutschen Meisterschaft in Darmstadt. Ich glaube, ich bin da noch auf den falschen Korb zugedribbelt.“

Sechs Jahre lang zockte Klein-Carl dann noch auf dem hessenweit gefürchteten Freiplatz in Rossdorf. Dann wechselte der Vater beruflich nach Laubach, wurde Internatsleiter. Der Vollblut-Sportlehrer und Basketball-Vorturner kam, sah die Räumlichkeiten und handelte:Den kleinen Saal der Erziehungsanstalt widmete Theo Clausen sofort in eine Turnhalle um. „Wir haben damals in Groß Gerau von den Amis einen alten Korb geklaut, ihn zu unserem Schmied in Laubach gebracht. Und der hat uns dann zwei Körbe für unsere Halle gebastelt.“ Bretter wurden aus einer alten Kiste gesägt und angestrichen. Fertig war der Lack. „Von da an ging´s richtig los“, erinnert sich der pensionierte Sport und Englisch-Lehrer Carl an die Anfänge seiner Karriere. Mit Teutonia Laubach wurde die Bezirksliga aufgemischt. Carl und sein Kumpel Holger Geschwindner, die gemeinsam ein Zimmer teilten, waren als gefährliche Schützen gefürchtet. „Jeden Morgen, wenn wir zum Frühstück gingen, mussten wir durch die Halle. Da haben wir dann schon ein erstes Eins-gegen-Eins gezockt“, erinnert sich Carl, dass Basketball auch in der Schulzeit ein tägliches Muss war und seine wie Geschwindners Schusshand prägte. „Wir haben immer aus allen Knopflöchern geschossen.“

Irgendwann aber wurde dem angehenden Abiturienten die Laubacher Basketball-Welt zu klein. Nach der Reifeprüfung wechselte er nach Gießen, schloss sich zunächst dem VfB 1900 an, kam dann aber doch zu den Männerturnern von 1846: „Die warteten schon auf uns Laubacher“. Gemeinsam mit Jürgen Gelling und Holger Geschwindner komplettierte der 1,80 Meter große Rückraumspieler vor der Meistersaison 1964/65 die Truppe um „Dschang“ Jungnickel („Wir haben uns hinten die Seele aus dem Leib verteidigt und er hat vorne die Dinger reingemacht“) . „Ich habe nie erste Fünf gespielt. Aber immer, wenn es galt, einen gegnerischen Spieler auszuschalten, hat Pit Nennstiel mich aufs Feld geschickt mit den Worten: Mach den kaputt!.“ Das gelang ihm auch meistens. Aber immer mit fairen Mitteln. „Fouls waren bei uns Laubachern verpönt. Das hat uns mein Vater so eingeimpft. Der war noch von dem christlichen Urgedanken des Basketball-Erfinders Naysmith geprägt.“

Schon bald nach dem Gewinn der 1. Deutschen Meisterschaft für den MTV 1846 Gießen zog sich Clausen einen Kreuzbandriss zu. Basketballerisch verlegte er sich fortan eher auf die Vermittlung „seines“ Sports als auf die Ausübung im Verein. Er unterrichtete Studenten an der Uni Gießen („Ich bekam fünf Mark pro Stunde“), galt dort wegen seiner spürbaren Liebe zum Basketball bald mehr als Missionar denn als Lehrer und blieb seiner Mission auch nach dem Staatsexamen treu. Schule und Schulmannschaften, Carl Clausen fand – wo sonst – als Lehrer eine Anstellung in Laubach, Universität und Uni-Auswahlteams sowie seine Familie wurden die Eckpfeiler eines mehr als ausgefüllten Lebens rund um den Basketball. Ehefrau Elke spielte ebenso wie Tochter Diana. Nur der Sohn wollte nicht so recht, verlegte sich auf die Schauspielerei. Heute allerdings hat Carl Clausen Abstand von seinem Sport. Vor mehr als zehn Jahren, kurz nach einem Spiel der Schulmannschaft, das er als Coach leitete („Ich hab mich damals furchtbar aufgeregt“) erwischte ihn eine Herzattacke. Fünf Bypässe, die Jägerei und die Ruhe des Laubacher Forstes halfen dem Vollblut-Basketballer über den Berg. Und die Naturheilkunde. „Ich nehme überhaupt keine Medizin.“ Vor drei Monaten ist der Missionar und Terrier Großvater geworden. Mal sehen, ob er seine Basketball-Gene weiter vererbt hat.

Text: Wolfgang Lehmann

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