„Pollo“ Urmitzer: Ein mit vielen Lebensweisheiten ausgestattetes Sprungwunder

„Pollo“ Urmitzer: Ein mit vielen Lebensweisheiten ausgestattetes Sprungwunder

All jene, die den Gießener Basketball schon lange vor den 46ers, den Avitossen, den Flippers verfolgten, können sich glücklich schätzen, einen der besten deutschen Basketballer seiner Zeit und den vielleicht unerschöpflichsten Zitate-Lieferanten persönlich erlebt zu haben. Zur Meistermannschaft des Jahres 1965 wurde der MTV 1846 vor allem auch wegen eines Neuzugangs, des 1,93 Meter großen Klaus „Pollo“ Urmitzer. Sein Markenzeichen war seine ungeheure Sprungkraft, mehr noch aber wohl sein scheinbar unerschöpflicher Schatz an Sprüchen der Marke „Beim Dschang (Klaus Jungnickel) geht das Zahnfleisch schneller zurück als er in die Abwehr“. Er war der erste deutsche Basketballer (Urmitzer-Definition: „der erste weiße, deutsche, unter zwei Meter messende mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung“), der einen Dunking während eines Spiels schaffte.

Wer mit der Gnade der frühen Geburt gesegnet ist, erinnert sich an ihn als einen Hingucker, einen spektakulären Spieler, der die Fans zum Toben bringen konnte. Der heutige Doktor der Zahnmedizin selbst sieht das aus der Distanz durchaus nüchterner: „Unter der Woche habe ich die Lücken in den Zähnen der Patienten versorgt, am Wochenende habe ich für die Lücken in der gegnerischen Verteidigung gesorgt. Seitdem ich Michael Jordan live erlebt habe, sehe ich mein Leistungsvermögen von damals durchaus distanziert. “ Der A-Nationalspieler wechselte vor der Meisterschaftssaison 64/65 aus Heidelberg zum MTV und war neben Jungnickel, Butler und Geschwindner der wichtigste Garant für den Einzug ins Finale. Gegen den amtierenden deutschen Meister Alemannia Aachen streute Center Urmitzer in der völlig ausverkauften Doppelturnhalle satte 26 Zähler zum sensationellen 85:56-Sieg ein. Auch im legendären Finale gegen den VfL Osnabrück gelangen „Pollo“ 18 Korbpunkte. Danach zog es den angehenden Zahnarzt („Tagsüber habe ich den Patienten in den Mund geschaut, abends erst in den Korb und dann noch ein bisschen ins Glas“) zurück nach Heidelberg.

Aber vier Jahre später, mit der Eröffnung der Sporthalle Ost, trug auch Urmitzer wieder das Trikot des MTV 1846 Gießen. Dann kam der 19. Januar 1972: Auf der Heimfahrt, damals noch im Privat Pkw, vom Auswärtsspiel in Heidelberg kam es zu einem schweren Autounfall. Beifahrer Hans Hess und Günther Lindenstruth erwischte es nur mäßig. Aber Fahrer Pollo Urmitzer schlug mit dem Kopf an einen Träger. Eine Woche lang blieb der Schwerstverletzte ohne Bewustsein. Als er einen Monat später das Krankenhaus wieder verlassen konnte, feierte er seinen „zweiten“ Geburtstag. Dem Leistungssport allerdings musste der Ausnahmecenter ade sagen. Aber da ihm der Beruf immer mindestens ebenso wichtig war wie die sportliche Karriere („Es war immer mein Bestreben, rote Muskelmasse und graue Hirnmasse in Einklang zu bringen“), konnte er sich ganz dem Beruf des Zahnarztes widmen („Damals mussten wir Zahnarzt werden, um uns Basketball leisten zu können. Heute müssen die Basketball spielen um sich den Beruf Zahnarzt leisten zu können“).

In diesem Jahr ist Pollo Urmitzer sechzig Jahre alt geworden. Gefeiert hat er in Gießen, im Hawwerkasten, beim Bruno. Und im nächsten Jahr kommt er in die Osthalle, so viel ist sicher. Dann will er feiern. Die erste deutsche Meisterschaft des MTV. Und dann können ihn alle erleben. Die früh und die zu spät geborenen.

Text: Wolfgang Lehmann

Bild: -GAZ Foto- Russ

Letzte News