Von Gießen nach München und wieder zurück: Jörg Bernath

Von Gießen nach München und wieder zurück: Jörg Bernath

Es gibt eine Reihe von Gießener Basketball-Spielern, echten Hall-of-Famern, die ihre beste Zeit nicht in der Sporthalle Ost hatten, sondern ihr ganzes Können erst im Kreis anderer Mannschaften entfalten und ausleben konnten. Gerade die Generation der MTV-Eigengewächse, die vor etwas mehr als dreißig Jahren mit Coach Klaus „Dschang“ Jungnickel so überraschend das Meisterschild zum fünften und vorläufig vorletzten Mal an die Lahn holten, birgt einige solcher Super-B´baller. Einer von ihnen ist Jörg „Jörgi“ Bernath.

„Er war ein excellenter Eins-gegen-Eins Spieler, ein sehr guter Verteidiger und ein hervorragender Schnellangriffsspieler“, erinnert sich sein damaliger Coach Klaus Jungnickel an den heute in Hamburg lebenden Lehrer für Chemie und Politik. Wie viele seiner Altersgenosen kam Jörg Bernath über den Handball und das „Fußi spielen“ (Bernath) zum Basketball im MTV: „Erstens war ich zu schmächtig für den Handball. Da bekam ich auf den Dörfern als kleiner Kreisspieler immer mächtig auf die Socken. Und außerdem lag Basketball auch Anfang der 60er schon im Trend.“

1964 bis 67 holte der „sehr gewandte“ (Bony Breitbach über den Kollegen und Rivalen auf der Aufbauposition) Spielmacher mit der von Bernd Röder zwei A-Jugendmeisterschaften in das Vereinsheim am Heegstrauchweg. Bernath: „Das war vielleicht die schönste Zeit.“ Und der „unbekümmerte, schlitzohrige, kumpelhafte“ (Breitbach) Schüler des Landgraf-Ludwig-Gymnasiums schaffte auch den Sprung in nationale Auswahlmannschaften. Mit der Junioren-Nationalmannschaft spielte er dabei auch einmal gegen den Bundesligisten Bayern München. Und die Bayern wollten das Gießener Eigengewächs sofort an die Isar verpflichten. Das funktionierte in jener Zeit noch nicht mit Geld, sondern mit der Zusage einer komfortablen Wehrdienststelle. Weil Bernath sich im Munitionslager Daubringen wie heutige C-Stars im Dschungel fühlte („Ich hab zu Heinz Ewald Hirsch gesagt: Holt mich hier raus!), die Bayern jedoch schneller eine bessere Wehrdienststelle fanden, kehrte das Aufbau-Supertalent der Heimat den Rücken – und blühte in München sportlich so richtig auf: „Das war meine beste Zeit. Ich habe immer in der starting five gespielt, hatte viele Freiräume.“

Jörgi Bernath schaffte nach Olympia 1972 den Sprung in die Herren-Nationalmannschaft, begann mit dem Studium, erkannte jedoch, dass die Stadt München und sein Sport bei den Bayern dem Studienziel nicht unbedingt zuträglich waren. Weil er, wie alle guten Sportler, auch im beruflichen Leben ehrgeizig war, entschied er sich in einem Akt der Selbstdisziplinierung, wieder in der hessische Heimat zurück zu kehren. Allerdings, in Gießen und beim MTV der Saison 1974/75 war er nur noch zweite Wahl auf der Aufbauposition hinter Bony Breitbach. Zwar schaffte Bernath auf Anhieb mit seinen alten Weggefährten den Meistertitel. Aber sportlich blieb München immer in besserer Erinnerung: „Man weiß einfach, wie hoch der eigene Anteil an einem Erfolg war.“

Bis 1976 spielte Jörg Bernath noch im MTV-Trikot. Dann wurde nach dem Studium die Belastung zu hoch. Der Playmaker wechselte nach Krofdorf, führte gemeinsam mit Spielern wie Wolfgang Dort und Wolfgang „Backi“ Backfisch den Oberligisten bis in die Aufstiegsrunde zur 1. Bundesliga und legte den Basketball nahezu komplett an die Seite, als er Anfang der achtziger Jahre in Hamburg eine Lehrerstelle antrat. Aber auch mit knapp sechzig Jahren zockt Jörgi Bernath noch im hohen Norden in der Kreisklasse und verstärkt den VfB 1900 Gießen immer dann, wenn es um deutsche Seniorenmeisterschaften geht.

Text: Wolfgang Lehmann

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