
24.09.2026
Vier Neuzugänge aus Übersee werden den Spielstil der GIESSEN 46ers in der ProA-Saison 2026/27 drastisch verändern.
Klar: Chris Carter gilt in der Branche als Aufstiegsheld, ja als Aufstiegsgarant. 2018 half er mit, RASTA Vechta in die Bundesliga zu hieven. 2020 gelang ihm in der Corona-Abbruchsaison das gleiche Kunststück mit dem BV Chemnitz 99. 2022 stiegt er mit den Rostock Seawolves in die BBL auf. Und 2025 schließlich war der heute 34-Jährige der Anführer jener Mannschaft von Science City Jena, die die GIESSEN 46ers im ProA-Halbfinale ausschaltete und ins Oberhaus zurückkehrte.
Kein Wunder also, dass „Frenki“ Ignjatovic nicht lange zögerte, als der Deutsch-Amerikaner auf dem Markt war. Wer in vier Jahren Unterhaus – wie der Altmeister aus Mittelhessen – dreimal in der Vorschlussrunde steht, der möchte dem Traditionsreichsten aller Traditionsreichen auch irgendwann einmal die Rückkehr in die Beletage des deutschen Basketballs ermöglichen. Dass Carter in Gießen mit Luis König Figge, Till Gloger und Zach Cooks auch gleich noch drei Mitstreiter aus sächsischen, niedersächsischen und thüringischen Tagen fand, erleichterte ihm die Entscheidung pro 46ers. „Als ich das hörte, haben meine Frau und ich sofort gepackt und den Sommer in Gießen verbracht“, ließ der Mann aus Brooklyn unlängst wissen.
Doch Christopher John Carter garantiert den Unistädtern allein nicht den Sprung nach oben, wenngleich der selbsternannte Kapitän Robin Benzing („Bei mir hat sich noch niemand darüber beschwert, dass ich dieses Amt ausführe“) ihn vor versammelter Journaille auch schon mal als „Heilsbringer“ apostrophierte.
Tatsache ist: Durch die Osthalle weht zur Saison 2026/27 der BARMER 2. Basketball-Bundesliga ProA ein neuer, frischer Wind. Der osteuropäische Einschlag der vergangenen Jahre ist einer Übersee-Ausrichtung gewichen. Selbst der in seiner dritten Runde an der Lahn auflaufende Viktor Kovacevic, dem die Fans bei der Teamvorstellung zum Pokalduell gegen Chemnitz den lautesten Applaus aller spendeten, ist in den Staaten aufgewachsen. Chris Carter, Zach Cooks, Alex Williams, Nigel Scantlebury und der aus der vergangenen Spielezeit verbliebene Daniel Norl reden englisch, was durchaus auf eine neue, spielerische Ausrichtung schließen lässt. Die für taktische Disziplin, wenig Eigenfehler gestattende und in der Deckung hart zupackende serbische Basketball-Schule soll zwar in Gießen nicht der Vergangenheit angehören, sie soll aber die perfekte Ergänzung zum überfallartigen Speed-Basketball taugen, für den gerade die verpflichteten Guards stehen.
Zach Cooks, der neue Anführer aus Lawrenceville/Georgia, verdarb den 46ers vor eineinhalb Jahren den möglichen Aufstieg, da er in Partie vier des Playoff-Halbfinales in Gießen nicht nur 30 Punkte markierte, sondern auch per Nahdistanz-Treffer zwei Sekunden vor Schluss zum 97:95-Erfolg die vorzeitigen Gießener Sommerferien einläutete. „Schon damals hätte ich ihn gerne verpflichtet, er entschied sich jedoch für Bonn. Nun bin ich sehr froh, dass wir endlich von seiner enormen Geschwindigkeit profitieren dürfen“, so Branislav Ignjatovic.
Die perfekte Ergänzung zu Cooks ist Nigel Scantlebury, der zuletzt zwei starke Spielzeiten in der Slowakei und in Slowenien ablieferte. Für Zlatorog Lasko wurde er vergangene Saison nach im Schnitt 19 Punkten sogar zum „Guard of the year“ in der „Liga OTP Banka“ gewählt.
Auf verschiedenen Positionen einsetzbar ist Swingman Chris Carter, der das Team künftig zusammen mit Robin Bnezing führen wird. „Ich bin nach Gießen zu kommen, um meinen fünften Aufstieg zu feiern“, lässt der Familienvater keinen Zweifel daran, dass „eine Stadt wie Gießen in die BBL gehört.“ Der New Yorker verspricht, viel „Herzblut und Leidenschaft“ mit an die Lahn gebracht zu haben. Und in Richtung der Stehtribüne lässt der 34-Jährige wissen: „Ich wollte unbedingt, dass diese Anhänger irgendwann einmal mit zujubeln und nicht mich auspfeifen.“
US-Neuerwerbung Nummer vier ist Alex Williams, der als Rookie erst einmal Mama Sonia mit an die Lahn brachte, der dann mit einer Zerrung einige Tage passen musste, der spätestens jedoch bei den Tests in Hagen und in Göttingen zeigte, was in ihm steckt. Nämlich eine enorme körperliche Präsenz, gepaart mit einem famosen Händchen. „Wie er die Bälle von jenseits der Dreierlinie in den Korb streichelt, ist schon der Wahnsinn“, so Chefcoach „Frenki“ Ignjatovic.
Da mit Roland Nyama (Karriereende), Jonathan Maier (Baskets Lich), Aiden Warnholtz (Tigers Tübingen), Simon Krajcovic (HAKRO Merlins Crailsheim), Topscorer Kyle Castlin (Sharks Antibes), Nejc Tevzic (Chiemgau Panthers) und Adnan Arslanagic (Ziel unbekannt) sieben Profis die 46ers verlassen haben, in der Akademie jedoch hervorragende Arbeit geleistet wird, stehen mit Elias Genius und Luca Nickel künftig auch zwei 17-Jährige im Kader der 46ers. Zusammen mit Nachwuchs-Center Kai Müsse sowie den verbliebenen Till Gloger, Robin Benzing, Luis König Figge und Daniel Norl wollen sie das von „Frenki“ Ignjatovic Jahr für Jahr ausgerufene Minimal-Ziel, nämlich das Erreichen der Playoffs, realisieren.
„Wir wollen endlich die Krönung, dafür bin ich im Sommer 2022 ja schließlich auch nach Gießen gekommen“, war „Frenki“ Ignjatovic vor einigen Wochen auf der Stadtfest-Bühne der donnernde Applaus der Fans sicher. „Aber ich bin kein Träumer und weiß, dass auch andere Teams wie Heidelberg, Crailsheim oder Göttingen nach oben wollen. Was ich aber versprechen kann ist, dass eine von mir trainierte Mannschaft stets ehrliche Arbeit abliefern wird.“
Eine Arbeit, die Ende Mai des nächsten Jahres Chris Carter endgültig vom Heilsbringer zum Aufstiegshelden machen soll.