Spieltag
Team

11.10.2026

Katzenjammer ohne Carter

Chris Carter saß noch minutenlang auf der Werbebande und schaute ins Leere, ehe er seinen Jungs, die sich frustriert auf den Weg in die Kabine machten, hinterherhumpelte. Luis König Figge und Robin Benzing diskutierten lange, was eigentlich schiefgelaufen war. Nigel Scantlebury stand ein wenig fragend und die Arme in die Hüften gestützt am Rande des Feldes.

Die mitgereisten Fans, immerhin rund 20 an der Zahl, ließen Jubilar „Frenki“ Ignjatovic mit einem vollmundigen Ständchen hochleben. Die Glückwünsche zum Geburtstag, die ihm oft wildfremde Menschen in bester Absicht in der Arena Hohenlohe überbringen wollten, nahm er wie im Unterbewusstsein wahr. Denn noch mehr als die 76:83 (42:39)-Niederlage im Top-Duell des vierten Spieltags in der BARMER 2. Basketball-Bundesliga ProA bei den HAKRO Merlins Crailsheim schmerzte den Cheftrainer der GIESSEN 46ers der Ausfall seines Neuzuganges, seines Leaders, seines verlängerten Armes auf dem Parkett.

 Ohne Carter herrschte Katzenjammer!

„Wir stecken in einer echt schwierigen Situation. Unser Kader ist klein. Erst fällt Nachwuchs-Center Kai Müsse aus, nun auch noch Chris Carter. Mit seiner Qualität als Ballhandler, als starker Rebounder, als Defensivspezialist hätten wir heute eine richtig große Chance gehabt“, ließ der seit Freitag 60-Jährige seinen Gefühlen freien Lauf. „Es tut mir unheimlich weh um diesen wirklich außergewöhnlichen Sportler.“ 

Noch steht eine endgültige Diagnose aus, noch ist das rechte Knie geschwollen, noch wird der 34-Jährige die Meinungen weiterer Ärzte im In- und Ausland einholen, „Stand heute jedoch rechnen wir mit einem längeren Ausfall“, so Ignjatovic.

Auch die Mitspieler des Familienvaters aus New York zeigten sich nach ihrem durchaus starken Auftritt in Crailsheim betroffener ob des Ausfalls ihres Brains als von der zweiten Pleite in der Fremde im zweiten Match. Luis König Figge sprach von einem „herben Verlust“, Capitano Robin Benzing, der überragende Mann des Abends, gab ehrlich zu: „Mir tut es weh, Chris humpeln zu sehen. Seine Ruhe, seine Stabilität, sein Überblick haben uns heute gefehlt. Ich kann nur hoffen, dass wir ihn irgendwann in Gießen wiedersehen werden.“

Bis dahin muss Branislav Ignjatovic mit einer kleinen Rotation zurechtkommen, in der Robin Benzing überragte. 18 Punkte bei einer hundertprozentigen Trefferquote (zwei von zwei aus der Nahdistanz, drei von drei von jenseits der 6,75-Meter-Linie, fünf von fünf von der Freiwurflinie) standen für den 37-Jährigen zur Pause in den Stats, am Ende waren es starke 24 Punte, die der Ex-Nationalspieler beigesteuert hatte. Dass er dazu auch noch 30 Minuten auf dem Parkett stand, setzte seiner Top-Verfassung die Krone auf und ließ „Frenki“ Ignjatovic frohlocken: „Er hat wieder einmal allen gezeigt, warum wir seinen Vertrag verlängert haben. Sein Wert für die 46ers ist noch immer unermesslich.“

Da auch die anderen beiden Big Man Till Gloger (zwölf Zähler, acht Rebounds) und Viktor Kovacevic (14 Punkte, sieben Rebounds) einen starken Abend hatten, hielt Gießen die Begegnung rund 37 Minuten offen, ehe die „Zauberer“ – kein Wunder – den längeren Atem bewiesen. 50 der 76 46ers-Points gingen also auf die Kappe der Profis unter dem Korb, während die neuen Guards laut „Frenki“ Ignjatovic „nicht ihrem besten Tag hatten.“ Nigel Scantebury, Zach Cooks und Alex Williams brachten nur zusammen 16 Zähler zustande, so dass der Übungsleiter des Altmeisters nicht lange um den heißen Brei herumreden wollte: „Sechs Treffer bei 25 Versuchen sind für unser US-Trio zu wenig. Hätten sie geliefert, hätten wir gewonnen.“

So aber blieb es Booker Coplin und Hendrik Drescher vorbehalten, das Match auf die Seite der Hausherren zu ziehen. Der US-Wirbelwind drehte besonders im dritten Abschnitt mit elf Punkten auf. Und als die 46ers das Momentum gerade auf ihre Seite gezogen und Robin Benzing für den 69:69-Ausgleich (35.) gesorgt hatte, war Big Man Drescher zur Stelle, um zwei Dreier zum 75:69 (36.) in die Reuse zu streicheln. 

Dass Crailsheims Übungsleiter Florian Flabb später von einem „Arbeitssieg“ sprach, hatte Gründe, denn die Gäste, die die Hohenloher noch im Mai aus den Playoffs befördert hatten, wirkten von Beginn an nicht so, als würde ihnen den Carter-Ausfall in den Knochen stecken. Beim 15:13 (8.) für Gießen hatte der zu diesem Zeitpunkt fast als Alleinunterhalter fungierende Viktor Kovacevic schon zwölf Zähler besorgt. Beim 21:21 (11.) bewies Till Gloger beim Steckpass auf Luis König Figge Auge. Beim 25:25 (13.) hatte Zach Cooks bei seiner stärksten Szene des gesamten Abends alle „Zauberer“ entlarvt. Beim 35:31 (16.) beförderte Robin Benzing den zweiten Schuss von Downtown eiskalt in den HAKRO-Korb, ehe er nach einem Griff in den Arm und anschließendem „Technischen“ für Beschwerdeführer Courtney Alexander gleich vier Freiwürfe hintereinander zur Gießener 40:37-Führung (19.) einschweben ließ. Und als Till Gloger per Floater über Courtney Alexander zum 56:55 abschloss, waren die Mittelhessen noch immer im Rennen.

„Robin hat heute gespielt wie Kobe Bryant, vielleicht auch wie Dirk Nowitzki“, adelte Luis König Figge seinen Kapitän, wusste aber auch: „Unsere offensiven Quoten waren am Ende zu dünn, um Zählbares mit nach Hause nehmen zu können.“ 

Dass Robin Benzing schließlich davon sprach, dass „wir kein schlechtes Spiel gemacht haben“, traf den Nagel auf den Kopf. An einem Abend, an dem ohne Chris Carter dennoch Katzenjammer herrschte.

Crailsheim: Alexander (14), Hermann (n.e.), Höllerl (n.e.), Coplin (24), Addae-Wusu (6), Mayer (5), Drescher (9), van Slooten (16), Gerald (2), Isemann, Dordevic, Krajcovic (7).‍

Gießen: Scantlebury (7), Genius (n.e.), Cooks (6), Williams (3), Nickel (n.e.), Benzing (24), Norl (8), König Figge (2), Gloger (12), Kovacevic (14).

UND SONST NOCH …

  • Unsere Starter: Zach Cooks, Alex Williams, Robin Benzing, Daniel Norl, Viktor Kovacevic.
  • Unser Konditions-Wunder: Robin Benzing (29:51 Minuten).
  • Unser stärkster Rebounder: Till Gloger (8).
  • Unser erfolgreichster Passgeber: Daniel Norl (6).
  • Unsere höchste Führung: 51:45 (23. Minute).
  • Unsere erfolgreichste Serie: 5:0 zum 69:69 (35. Minute).
  • Unsere emotionalen Beobachter: 2168 Zuschauer in der Arena Hohenlohe, davon 20 aus Gießen.
  • Unser nächster Auftritt: Samstag, 17. Oktober (19 Uhr), gegen die RheinStars Köln.

‍