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Spieltag

27.10.2026

Kein Schönheitspreis

Ex-Center Jonathan Maier und Ex-Teammanager Jan Heppner standen auf der Tribüne und applaudierten enthusiastisch. Die Profis mischten sich unter die gut 120 Anhänger und feierten mit, ehe sie die eigentlich nur zu Hause stattfindende Humba anstimmten. Die Fans wiederum ließen besonders Luis König Figge und Viktor Kovacevic hochleben, ehe sie zu einer Polonaise durch die Halle ansetzten. Capitano Robin Benzing wurde aufgefordert, einen auszugeben. Und das Liedgut der wie immer lautstarken Fans erinnerte an gute, alte MTV-Auftritte ebenso wie an Europapokalreisen zu jenen Zeiten, als die Zuschauer die gerstensafthaltigen Getränke im Foyer der Osthalle noch in D-Mark bezahlten, die deutschen Basketball-Meister aus Osnabrück, Leverkusen sowie Heidelberg kamen und die Siege der Männerturner entweder in der Jahnhalle oder bei Wirt Bruno Meißner im Ludwigshof zünftig begossen wurden. 

„Was geht denn hier ab?“, rieb sich Neuzugang Tyler Peterson verwundert die Augen, als die Fans ihn auf die Tribüne beorderten und ihn in Sprechchören abfeierten. „Die sind ja ausgelassen. Ist das immer bei euch so?“ 

Dem 28-Jährigen, der am Donnerstag aus Minneapolis kommend in Frankfurt gelandet war und nach nur drei Trainingseinheiten am Montag sogleich fast 31 Minuten auf dem Parkett stand, konnte geholfen werden. Denn besonders bei Siegen kennt die Ausgelassenheit auf den Rängen kaum Grenzen. Wie am Montag beim 83:68 (47:40)-Erfolg der GIESSEN 46ers am sechsten Spieltag in der BARMER 2. Basketball-Bundesliga ProA als Gast der EPG Baskets Koblenz. 

Es war ein Sieg, der wie Balsam auf den Wunden der nach zwei Niederlagen doch so sehr geschundenen Seelen des Altmeisters klebte. „Ich bin sehr erleichtert, sehr glücklich“, machte „Frenki“ Ignjatovic aus seinem Herzen keine Mördergrube. „Heute gab es keinen Schönheitspreis zu gewinnen, heute galt es angesichts unserer Personalsituation einzig und allein, die beiden Punkte mitzunehmen. Nun kehrt wieder etwas mehr Ruhe ein und ich freue mich auf einige entspannte Trainingstage“, so der Cheftrainer des Altmeisters in der Pressekonferenz. 

Personalsituation? Sie ist bei den Mittelhessen weiter sehr angespannt und verbesserte sich am Deutschen Eck nicht wirklich. Klar: Tyler Peterson legte eine starke Premiere aufs Parkett. Da aber Chris Carter (Knieprobleme) weiter ausfällt, Alex Williams noch immer der ausgekugelte kleine Finger der linken Hand Probleme bereitet, Kai Müsse nach zwei Unsportlichen Fouls Lehrgeld zahlte und die Partie schon ab Minute 16 nur noch auf dem Handy aus der Kabine heraus verfolgen konnte und Daniel Norl wegen Schmerzen im Knie nach nur dreieinhalb Minuten seines Mitwirkens nicht mehr konnte, stellte sich gerade die deutsche Rotation mit Luis Kölnig Figge, Robin Benzing und Till Gloger quasi von selbst auf. 

Da kam es Branislav Ignjatovic nur gelegen, dass seine Nachverpflichtung aus den Staaten zwischenzeitlich zwar pumpte, unter dem Strich als Starter jedoch eine famose Vorstellung ablieferte und zeigte, dass er Gießen in den restlichen 28 Hauptrunden-Partien noch sehr weiterhelfen wird. „Tyler Peterson versteht etwas vom Basketball“, war der 46ers-Übungsleiter angetan vom Auftritt des Familienvaters, der die Zügel in der Hand hielt, ein gutes Auge für seine Nebenleute bewies, schon nach wenigen Sekunden, als er Chase Johnson abräumte, seine Defense-Qualitäten aufblitzen ließ, und mit zwölf Punkten und fünf Assists auch noch sehr ordentliche Stats ablieferte. „Du sagst ihm einmal etwas und er hat verstanden. Er ist ein Winner-Typ und er hat Ahnung von Taktik. Es macht echt Laune, ihn in unseren Reihen zu wissen“, lobte Energizer Luis König Figge, der selbst mit einem Double-Double aus 13 Punkten und elf Rebounds glänzte, seinen neuen Mitstreiter. 

So gut die Stimmung bei den Gästen auch war, so sehr hatte diese bei Stephan Dohrn auf die Laune gedrückt. „Letzte Woche 66, nun 68 Punkte – das ist viel, viel zu wenig“, grantelte der EPG-Coach. Ein „offensives Chaos“ und eine „schlechte Struktur“ hatte der 38-Jährige in seinem Team ausgemacht. „Wir waren unfassbar langsam und wirkten irgendwie verwirrt.“ Was nicht zuletzt auch dem souveränen, ja smarten, am Ende aber auch leidenschaftlichen Auftritt der Gäste geschuldet war. 

Diese führten nach einem atemberaubenden Solo von Abend-Topscorer Viktor Kovacevic schnell mit 15:8 (6.). Als Till Gloger eine Finte gegen Jonas Niedermanner zum 23:18 (11.) abschloss, Alex Williams einen Dreier nach bärenstarkem Zuspiel von Tyler Peterson zum 28:20 (13.) vollendete und hernach from Coast to Coast höchstselbst auf 38:31 (16.) stellte, Luis König Figge per Buzzerbeater-Dreier das 50:40 (21.) markierte, Viktor Kovacevic den Vorsprung beim 59:42 (24.) und einem zwischenzeitlichen 9:0-Run auf bereits satte 17 Punkte stellte und Nigel Scantlebury mit einem verwandelten Freiwurf sogar einen 20-Zähler-Vorsprung (67;47, 27.) von den Anzeigetafeln leuchten ließ, hatten die 46ers den Finger am Abzug. 

„Frenki“ Ignjatovic, ein gläubiger orthodoxer Chris, bekreuzigte sich am Spielfeldrand, seine Jungs indes spulten ihr Pensum souverän herunter und ließen sich auch nicht aus der Spur bringen, als EPG-Big Man Jannis Sonnefeld vor Schmerzen schreiend zusammenbrach und zumindest zur Beobachtung ins Krankenhaus gebracht werden musste, obwohl Mannschaftsarzt Dr.  Björn Andress ihm die herausgesprungene Kniescheibe wieder eingesetzt hatte. 

„Defensiv war das heute unsere bisher stärkste Vorstellung. Wir haben die guten Koblenzer Schützen kontrolliert“, fielen „Frenki“ Ignjatovic mehrere Steine vom Herzen, auch wenn der Auftritt in der Nähe des Kaiser-Wilhelm-Denkmals, an dem Rhein und Mosel zusammenfließen, auch noch Verbesserungspotenzial offenbarte. 

„Von meinen Guards Nigel Scantlebury und Zach Cooks erwarte ich mehr“, war der 60-Jährige mit den Schussquoten (33 und 36 Prozent) unzufrieden. Auch die Ausbeute an der Freiwurflinie, wo Gießen zwölf Punkte liegenließ, sowie 15 Ballverluste machten Ignjatovic nicht eben happy. Dafür aber waren 48 eingesammelte Rebounds (gegenüber 29 von Koblenz), acht Treffer bei acht Versuchen aus der Nahdistanz von Viktor Kovacevic sowie acht Zähler und sechs Rebounds in nur 13 Minuten Einsatzzeit von Till Gloger aller Ehren wert. 

„Gießen hat verdient gewonnen“, zeigte sich Stephan Dohrn als fairer Verlierer. Zu einer Zeit, als die Anhänger einige Meter weiter ihre Lieblinge noch immer feierten …

Koblenz: Kraus (1), Buck (5), Collins (12), Jayden Williams (9), Niedermanner (3), Gille (7), Sonnefeld (5), Johnson (12), Tongue (9), Möller (2), Diculescu (3).

Gießen: Scantlebury (5), Genius (n.e.), Cooks (8), Alex Williams (4), Nickel, Benzing (4), Norl (3), König Figge (13), Müsse (2), Gloger (8), Kovacevic (24), Peterson (12).

UND SONST NOCH …

  • Unsere Starter: Zach Cooks, Robin Benzing, Luis König Figge, Viktor Kovacevic, Tyler Peterson.
  • Unser Konditions-Wunder: Viktor Kovacevic (32:55 Minuten).
  • Unser stärkster Rebounder: Luis König Figge (11).
  • Unser erfolgreichster Passgeber: Tyler Peterson (5).
  • Unsere höchste Führung: 67:47 (27. Minute).
  • Unsere erfolgreichste Serie: 9:0 zum 32:20 (13. Minute).
  • Unsere emotionalen Beobachter: 1091 Zuschauer in der EPG-Arena in Koblenz, davon 120 aus Gießen.
  • Unser nächster Auftritt: Samstag, 31. Oktober (19 Uhr), gegen die Tigers Tübingen.

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