
28.10.2026
Für Marco Baldi, den Geschäftsführer von Alba Berlin, war er eine „Ikone des deutschen Basketballs.“ DBB-Präsident Ingo Weiss würdigte ihn als Kapitän, der die Nationalmannschaft mit „Herz, Würde und unermüdlichem Einsatz“ geführt habe. Und der viel zu früh von uns gegangene mittelhessische Basketball-Kultreporter „Wolle“ Lehmann bezeichnete ihn stets als „Aushängeschild des gepflegten Schnellangriffs, der zu jener Zeit in keiner Stadt so eindrucksvoll und erfolgreich gespielt wurde wie in Gießen.“
Am Sonntag ist Matthias Strauss, den alle nur „Matzi“ nannten, in seiner Wahlheimat Berlin verstorben. Mit nur 70 Jahren. An einer heimtückischen und unheilbaren Gehirn-Krankheit, deren Diagnose ihn erst vor wenigen Wochen ereilte.
„Bobby“ Minor, einer seiner Mitstreiter aus alten Osthallen-Tagen, hatte sich vor kurzem von Oldenburg aus noch aufgemacht, um ihn zu besuchen. Telefonisch riet er Hans Hess, sich zu beeilen, wenn er seinen alten Freund noch einmal sehen wolle. Den Ex-Kapitän selbst hatte aber die Grippe erwischt. Als es ihm endlich besser ging, war es schon zu spät, um sich in die Bundeshauptstadt aufzumachen.
Vor genau zwölf Monaten war „Matzi“ Strauss noch einmal in die Osthalle gekommen, um mit seinen Spezis von einst den Titelgewinn von 1978 und den Pokalsieg im Jahr darauf zu feiern. Lebensfroh, lustig, kommunikativ und aufgeweckt wie immer. Es war ein Wochenende, das die Protagonisten nie vergessen werden. Und das sie sich verdient hatten.
Denn der 1,94-Meter-Mann hatte großen Anteil daran, dass auch an der Lahn aus der Randerscheinung Basketball, in universitären und eher mittelgroßen Städten geprägt, über viele Zwischenschritte eine hochprofessionelle und fernsehaffine Sportart wurde. Er hatte genau diese Phase in Gießen erwischt. Als Sportler und als Mensch.
Doch wie kam der 116-fache Internationale, der zwei Töchter hinterlässt, eigentlich nach Mittelhessen? In einem langen Gespräch mit Rüdiger Dittrich, Klasse-Reporter des Gießener Anzeigers, gewährte Matthias Strauss im vergangenen Jahr Einblicke.
„In meinem Fall war das einfach“, erzählte er, „es war schlicht eine Unterrichtsvermeidungsstrategie. Ich habe in der Schule Schwimmen, Handball, Fußball, Basketball und Leichtathletik betrieben, um möglichst viel Sport und möglichst wenige andere Fächer zu haben.“ Sein Deutschlehrer, selbst als Basketballtrainer aktiv, habe ihn dann zu Eintracht Frankfurt vermittelt, weil er das Bewegungstalent erkannt hatte. Dort hatte Strauss bereits mit 16 Jahren per Sondergenehmigung in der Männer-Regionalliga gespielt. Und genau da wurden die damals erstklassigen Gießener auch auf ihn aufmerksam.
„Gießen hat in Frankfurt immer gerne gewildert“, lachte Strauss. Und er wusste noch genau, wie „Michael Breitbach als MTV-Vertreter damals bei uns am Küchentisch saß.“ Strauss’ Vater habe ihn nicht ins Wohnzimmer gelassen mit der klaren Ansage: „Solange mein Sohn kein Abitur hat, bleibt er hier.“
Das hatte Matzi Strauss, der es auch zum Frankfurter Meister im Weitsprung gebracht hatte, dann aber bald in der Tasche, und landete 60 Kilometer nördlich der Mainmetropole beim ersten deutschen Basketball-Meister, war zudem beim Bund in Gießen in der Steubenkaserne, ehe er eine Ausbildung zum Zahntechniker absolvierte. Die wiederum später zum Studium der Zahnmedizin führen sollte, nach Berlin, wo er schließlich auch eine Zahnarztpraxis betrieb.
Auch in der 78er-Mannschaft, die „irgendwie aus dem Nichts kam und aus eben jenem Nichts auch Meister wurde“, mit Robert „Bobby“ Minor, Hans Hess, Ingo Froese oder Ted Hundley, „der ja gar kein Athlet war, aber halt immer getroffen hat“, wie Strauss später gerne erzählte. Und mit dem er bis zuletzt immer noch Kontakt hatte, so wie er mit nahezu allen seinen ehemaligen Mitspielern noch in Verbindung stand. Was bei Matzi Strauss auch als Plädoyer für den Mannschaftssport verstanden werden durfte.
So erinnerte er sich gerne, dass seine Jungs sich auch schon mal auf dem kurzen Dienstweg entschlossen hatten, Ingo Froese, der eine Kneipe in Bayreuth betrieb, zu besuchen. „Weil wir schon lange keinen mehr zusammen getrunken hatten. Ruckzuck saßen wir, aus allen Himmelsrichtungen kommend, dann abends bei ihm auf der Terrasse und haben geschwätzt wie die Großen.“
Matthias Strauss hat in Gießen Spuren hinterlassen. Als Sportler natürlich. Aber noch mehr als Mensch, dessen empathische Art viele vermissen werden.