
04.10.2026
Alex Williams gab geduldig Autogramme und erzählte jedem, der es hören wollte, dass er sich so richtig wohl fühle „in meiner neuen Heimat.“ Luis König Figge umarmte seine Frau Enya ähnlich herzlich wie Robin Benzing Gattin Katharina. Zach Cooks stand für jeden, der bei drei nicht auf dem Baum war, für Selfies zur Verfügung. Und „Frenki“ Ignjatovic schickte Handküsschen auf die Tribüne, auf der Enkeltochter Sophia auf dem Schoß von Oma Gordana allerdings Besseres zu tun hatte, als dem Treiben auf dem Parkett Beachtung zu schenken.
Nicht nur dem Cheftrainer, eigentlich allen in der Osthalle, ausgenommen den Besuchern aus dem Pott, war die Erleichterung anzumerken. Keine 43 Stunden nach der eher bescheidenen Vorstellung beim 61:73 als Gast der Baskets Wolmirstedt haben die GIESSEN 46ers den Bock umgestoßen und sich nach drei Spieltagen in der BARMER 2. Basketball-Bundesliga ProA erstmals in der Spitzengruppe angemeldet.
„Ich möchte mich heute bei vielen bedanken. Natürlich bei den Fans, die wieder für eine einzigartige Atmosphäre gesorgt haben. Dann bei unseren angeschlagenen Profis Alex Williams und Chris Carter, die auf die Zähne gebissen haben. Bis zwei Stunden vor dem Match war es völlig unklar, ob sie würden auflaufen können. Und dann auch bei unserem Kapitän Robin Benzing, der wieder einmal seine Qualitäten gezeigt, das Team geführt, gut gescored und starke Pässe gespielt hat. Deshalb durften wir heute als Sieger das Feld verlassen.“
Gegen einen VfL SparkassenStars Bochum, der mit zwei Erfolgen in die Saison gestartet war, der dem Altmeister lange das Leben schwer gemacht hatte, der von den Hausherren jedoch im dritten Viertel so herzerfrischend überrannt wurde, als würde Obelix zum Einsammeln der Helme der römischen Legionäre schreiten. Mit 32:8 gingen der vorletzte Abschnitt an die Mittelhessen, die zwischenzeitlich mit einem 16:0-Lauf die Weichen zum letztlich klaren 94:78 (40:44)-Erfolg stellen konnten.
„Wir hatten es heute mit einem Spitzenteam zu tun. Da hätte für uns schon alles optimal laufen müssen. Gegen Gießen werden viele Teams noch Probleme bekommen“, wollte Gäste-Trainer Alvaro Paredes nach dem Match nicht lange um den heißen Brei herumreden. „Nach der Pause sind wir eingebrochen. Das haben die 46ers eiskalt ausgenutzt.“
In Person von Alex Williams, der trotz eines ausgekugelten kleinen Fingers an der linken Hand zwei Dreier einschweben ließ. In Person von Nigel Scantlebury, der mit sieben Punkten endlich Selbstvertrauen verriet. In Person von Daniel Norl, der beim 70:50-Zwischenstand einen 24:2-Run von jenseits der 6,75-Meter-Marke abschloss. In Person von Chris Carter, dem die Ärzte am Samstag noch 40 Milliliter Flüssigkeit aus dem Knie geholt hatten, der mit schmerzverzerrtem Gesicht vor der Bank hin und her humpelte, der aber immerhin fast 13 Minuten lang auf die strahlenden Beißerchen biss, „um das Team zu unterstützen“, wie der 34-Jährige später zu Protokoll gab.
Und natürlich in Person von Robin Benzing, der seinen unschätzbaren Wert für die Mannschaft am Ende mit guten 13 Punkten, mit vier eingesammelten Abprallern, vor allem aber mit sieben Assists dokumentierte. Gerade Till Gloger profitierte des Öfteren vom Auge des Ex-Internationalen, aber auch Luis König Figge und Viktor Kovacevic waren zur Stelle, weil Benzing uneigennützig nur durchlud, aber nicht abdrückte.
Als dann auch noch Till Gloger mehrere starke Szenen hatte und auf plus 20 stellte, gab „Frenki“ Ignjatovic auch erstmals in dieser Saison seinen beiden BBA-Youngstern Luca Nickel und Elias Genius Einsatzminuten. Dass Nickel nicht nur zwei Punkte in seinen gut dreieinhalb Minuten beisteuerte, sondern auch noch Viktor Kovacevic mit einem No-Look-Pass bediente, setzte dem am Ende doch noch gelungenen Nachmittag die Krone auf.
Dabei sah es zunächst nicht nach einem Gießener Heimerfolg aus. Bochum traf aus allen Rohren und hatte schon zur Halbzeit acht Dreier versenkt, Gießen zu diesem Zeitpunkt nur bescheidene zwei. Da Gabriel Kuku in den ersten 20 Minuten mit 17 Punkten das Spiel seines Lebens abgeliefert hatte, fiel es auch kaum ins Gewicht, dass die Gastgeber VfL-Topscorer JaMonta Black gut im Griff hatten. Bochum führte teilweise mit elf Zählern (26:15, 11.), hatte auch beim 42:34 (17.) noch Oberwasser, dufte sich am Ende aber auch ein wenig bei den Refs bedanken, die zur Halbzeitpause einem Buzzerbeater-Dreier von Robin Benzing von der Mittellinie die Anerkennung versagten.
Die zumindest diskutable Entscheidung sorgte jedoch für Leben auf und neben dem Court. Beim 45:44 (22.) durch einen Kracher von Alex Williams irgendwo aus dem Nirgendwo lag Gießen erstmals in Führung, die die 46ers nach dem 50:48 von Zach Cokks und dessen Solo über das komplette Feld auch nicht mehr hergeben sollten.
„Wir hatten Geduld, haben den Ball laufen gelassen und standen defensiv sehr sicher“, fasste Luis König Figge den unter dem Strich ereignisreichen Nachmittag treffend zusammen. So dass es sich „Frenki“ Ignjatovic am Ende auch erlauben konnte, ein paar Handküsschen auf die Tribüne zu schicken.
Gießen: Scantlebury (12), Genius, Cooks (19), Carter (2), Williams (15), Nickel (2), Benzing (13), Norl (3), König Figge (4), Gloger (14), Kovacevic (10).
Bochum: Kuku (19), Geske (13), Pickett (5), Dietz (4), Masnic (12), Neumann (n.e.), Kamarad (10), Estell, Janeck (3), Wesley, Black (8), Klotz (4).
UND SONST NOCH …